Viel zu viel gelobt wird heutzutage, und viel zu wenig verrissen. Die Kritiker trauen sich nicht mehr. Sie sind Feuilletonisten geworden.

Nicht, dass Feuilletonisten von mindererem Rang wären. Nur ist Feuilletonismus etwas ganz anderes. Der Feuilletonist beschreibt, seine Höflichkeit ist die Anschaulichkeit. Die Höflichkeit des Kritikers hingegen ist die Deutlichkeit seines Urteils.

Thomas Leibnitz, Musikwissenschafter und wissenschaftlicher Bibliothekar an der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, hat in seinem eben erschienenen Buch "Verrisse" schlechte Kritiken zusammengetragen, die Komponisten wie Richard Wagner, Anton Bruckner, Johannes Brahms, Richard Strauss und andere erleiden mussten.

Solche Verriss-Sammlungen fallen für die Kritiker stets ungünstig aus. Man mokiert sich darüber, wie sie die großen Genies verkannt haben, wie sie mit Schaum vor dem Mund von Fehlurteil zu Fehlurteil getaumelt sind.

Aber stimmt das wirklich?

Leibnitz führt zum Beispiel ein paar Verrisse von Richard Strauss’ Oper "Der Rosenkavalier" an. Die Kritiker bemängeln die Länge des Werks, die Stilklitterungen, den humorlosen Text der angeblichen Komödie, der obendrein so deklamiert wird, dass man kein Wort versteht.

Alle diese Urteile sind korrekt. Weshalb sich der "Rosenkavalier" dennoch durchgesetzt hat, wäre einen Essay über Geschmack wert.

Die Kritiker aber irrten nicht nur in Sachen Musik, sie irrten auch im Bereich von Literatur und Theater. Sie lobten das Untaugliche und vernichteten die Meisterwerke, die heute nach wie vor zum festen Repertoire gehören. Die Kritiker, so scheint es, sind mit ihren Verrissen wie mit ihren Lobreden prinzipiell auf dem Holzweg.

Fehleinschätzungen

Das freilich ist ein Irrtum, der aus dem besseren Wissen nachfolgender Generationen und dem Herauspicken der Fehleinschätzungen entsteht. Er entspricht der Annahme, Flugreisen wären gefährlich, schließlich stünde rund einmal in drei Jahren in den Zeitungen, da und dort sei eine Maschine abgestürzt. Nur die zahllosen Flüge, die völlig reibungslos verlaufen, werden nirgends verzeichnet.

Kritik ist nicht nur ein wesentlicher Beitrag zur ästhetischen Auseinandersetzung mit Kunst, zu welcher der Kritiker den Anstoß gibt - Leser, bitte selbst weiterdenken; Kritik ist auch eine wertende Chronik. Die Regel, dass Aufführungen nur Aufführungen sind, wenn sie rezensiert werden und andernfalls das Gewicht einer Generalprobe haben, gilt ungebrochen. Ein Irrglaube ist es indessen, dass die Kritik ein Werk durchsetzen oder einen Erfolgszug verhindern kann - zumindest nicht auf Dauer.

Es ist lehrreich, einen Blick auf diverse Kritikensammlungen zu werfen. Friedrich Torberg und Hans Weigel zum Beispiel waren die einflussreichsten Wiener Theaterkritiker der Nachkriegszeit. Sie schrieben Bertolt Brecht (aus politischen Gründen, aber das spielt keine Rolle) in Grund und Boden, während Torberg Günter Grass’ szenisches Anti-Brecht-Pamphlet "Die Plebejer proben den Aufstand" für ein wichtiges Stück hält. Torberg und Weigel gelang es zwar, dass die wichtigsten Wiener Bühnen über Jahre Brecht boykottierten. Der heutige Stand freilich ist, dass Brecht gespielt wird und nicht Günter Grass.

Zwei andere Fälle scheinbarer Fehlurteile betreffen den Dramatiker Fritz Hochwälder und den Schriftsteller und Dramatiker Franz Theodor Csokor. Die seinerzeitige Kritik rühmte Hochwälders Stücke, etwa "Das heilige Experiment", "Die Herberge" oder "Der Himbeerpflücker". Nichts davon steht gegenwärtig auf den Spielplänen, obwohl eine direkt Verbindungslinie von Hochwälder zu Peter Turrini und Felix Mitterer führt, nämlich Theater als Ort der spannenden und aufklärenden Unterhaltung zu begreifen.

Bei Csokor wiederum hätte noch um 1960 kein österreichischer Kritiker bezweifelt, einen der überzeitlich Bedeutenden rühmen zu können. Heute jedoch ist Csokor dermaßen passé, dass sich das Theater in der Josefstadt in den Kammerspielen beim Claus-Peymann-Abend "Meine Preise" sogar den Lapsus leistet, auf dem über die Bühne gezogenen Transparent den Namen falsch, nämlich "Czokor", zu schreiben. Es steht zu befürchten, dass es dem größten Teil des Publikums nicht einmal aufgefallen ist.

Selbst der Literaturpapst war im literarischen Geschehen ähnlich machtlos wie sein katholisches Gegenüber in der globalen Politik: Marcel Reich-Ranicki, der einen ganzen Sammelband mit seinen Verrissen herausgab (einen weiteren mit seinen Lobreden übrigens auch), konnte mit seinen Exkommunikationen weder den Literaturnobelpreis für Grass verhindern, noch den für Thomas Bernhard durchsetzen. Martin Walser schreibt weiter Romane, Peter Handke ebenfalls.

Urteile belächeln

Wie alle Menschen, so irren auch Kritiker, und, wie alle Menschen, haben sie auch recht, und manchmal haben sie recht, aber der Zeitgeist irrt sich. Das Problem der Rezensenten ist nur, dass man ihre Urteile noch nachlesen und belächeln kann, wenn die Zeit längst über sie hinweggerollt ist.

Lobreden fallen nicht ins Gewicht. Je nun: Hat diesem halt einmal eine Oper von Louis Spohr gefallen oder jenem ein Roman von Hanns Heinz Ewers. So verwerflich ist das nicht.

Aber gegen einen Wagner, gegen einen Bruckner, gegen einen Thomas Mann oder einen Bertolt Brecht anzurennen, das ist etwas anderes, da zeigt sich das Versagen des Kritikers - meint man aus dem besseren Wissen heraus. Das hat die Kritiker vorsichtig werden lassen, speziell im Umgang mit der Gegenwartskunst.

Ja, freilich, wenn man zeigen will, dass man sich was traut, dann kanzelt man schon einmal einen Beethoven ab für seine Ouvertüre zu "Die Ruinen von Athen" oder meint, dass William Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" erstens ein schwaches, zweitens ein widerliches Stück sei.

Nur die musikalischen, theatralen oder aller Art schriftstellerischen Hervorbringungen - die wagt man halt doch nicht zu verreißen. Es könnte ja ein Fehlurteil sein. Der Kritiker von heute zittert vor dem Gedächtnis von Google.

So hat sich die Kritik vielfach eine neue Position erarbeitet: An die Stelle des Werturteils aus deutlicher Distanz zum Künstler übernimmt man nur allzu oft, vorbereitet durch Interviews, die Rolle von dessen Sprachrohr. Dann liest man in der Kritik gute Gründe, weshalb dieser "Rigoletto" nachgerade zwangsläufig auf einer Müllhalde spielen muss, merkt in Nebensätzen die Namen von Sopran, Tenor und Bariton an, überhört über deren Modelerscheinungen geflissentlich die schrundigen Stimmen und welche unsinnigen Tempi der Dirigent wählt - schon hat das zeitgenössische Musiktheater eine Sternstunde erlebt, obwohl einzig und allein ein Verriss am Platz gewesen wäre.

Manch ein Kritiker gibt das auch zu, unter vier Augen, versteht sich. Nur: Schreibt er’s, ist er unten durch in Fachkreisen. Keine Teilnahme an Jurys mehr, keine Tagungen, keine bezahlten Theater- und Opernreisen mehr. König Rezensent aber liebt seine neuen Kleider und mag sie täglich tragen.

Blättert man freilich in den älteren Kritikensammlungen, merkt man: Gewiss sind Fehleinschätzungen darunter, doch insgesamt haben sie klug geurteilt diese Kritiker. Und auch ihre irrigen Verrisse ehren sie. Denn bei Kritikern trennt nicht nur das richtige Urteil die Spreu vom Weizen, sondern vor allem der Mut zur Deutlichkeit.