Noor und Salahudin verbindet eine Freundschaft, die schon im Kindergarten begonnen hat. Und die nun, im Abschlussjahr der Highschool in Kalifornien, auf eine harte Probe gestellt wird. Denn aus Freundschaft ist schleichend mehr geworden, was sich aber nicht beide eingestehen wollen. Oder besser gesagt: Was sie sich nicht eingestehen können. Denn Salahudin hat ein Problem mit Nähe, und auch Noor tut sich schwer mit ihm. Dabei würden die beiden einander umso mehr brauchen, weil gerade ihrer beider Welten zusammenbrechen - schon wieder.

Sabaa Tahir, selbst als Kind pakistanischer Einwanderer und Motelbetreiber in den USA aufgewachsen, hat einen starken Jugendroman geschrieben. 
- © CC BY-SA 3.0 / fourandsixty

Sabaa Tahir, selbst als Kind pakistanischer Einwanderer und Motelbetreiber in den USA aufgewachsen, hat einen starken Jugendroman geschrieben.

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Noor, die als Vollwaise von ihrem Onkel aufgenommen wurde, sieht gerade eine Chance nach der anderen verschwinden, es auf eine gute Universität zu machen und mehr zu erreichen, als im Spirituosenladen ihres letzten verbliebenen Verwandten zu arbeiten. Und Salahudin verliert seine Mutter, deren Nierenversagen zu spät behandelt wird. Weil sie die teure Dialyse verweigert hat und das wenige verbleibende Geld lieber in ihr Motel gesteckt hat, das ihren Lebenstraum darstellte, während sein Vater immer mehr in den Alkoholismus abgerutscht ist. Und nun stehen beide da, Noor und Salahudin, und schauen ihren jeweiligen Leben beim Scheitern zu.

- © Pengu / cbj
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Denn bei beiden geht es um die schiere Existenz, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Zusammenhängen. Beide schleppen sie jeweils ein dunkles Geheimnis mit sich herum, für das sie sich schämen - obwohl es in unserer aufgeklärten westlichen Welt längst Common Sense ist, dass man sich für beide Dinge nicht zu schämen braucht, sich gar nicht schämen soll, sondern im Gegenteil von der Gesellschaft Verständnis und Hilfe zu erwarten hat. Aber als Pakistani, der immer als "der Ausländer" gesehen wird und mit Alltagsrassismus konfrontiert ist, tut man sich halt schwerer. Und dazu kommt noch, dass sich Salahudin, um das eine zu retten, auf einen gefährlichen Weg begibt, der das andere zerstört - natürlich ohne das eine zu retten.

All das verpackt die Bestsellerautorin Sabaa Tahir in "So viel Zorn und so viel Liebe" in einen höchst spannenden Jugendroman über Islamophobie und Rassismus, Träume und Zukunftsängste, das schwierige Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern, Liebe und Hass - und den wahren "American way of life", der das Wort Chancengleichheit nur aus dem Wörterbuch kennt. Der Ton ist rau und doch zugleich unheimlich poetisch, und Tahir nimmt ihre Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der großen Gefühle, bei der man immer wieder das Gefühl hat, jetzt geht es sich doch noch ganz knapp aus - und dann kommt der nächste Absturz, dem ein mühsames Aufrappeln folgt. Und am Schluss ist man nicht sicher: Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Ende? So wie im richtigen Leben.