Als die britische Crime Writers’ Association 1990 eine Liste der hundert besten Kriminalromane aller Zeiten veröffentlicht, findet sich niemand der üblichen Verdächtigen auf dem Thron. Stattdessen geht der erste Platz an ein Werk, über das sich streiten lässt, ob es die Bezeichnung Kriminalroman überhaupt verdient: "The Daughter of Time" von Josephine Tey liest sich nahezu wie die Antithese zum klassischen Kriminalschema.

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Am Anfang steht kein Mord, es gibt keine markanten Schauplätze, keine Verfolgungen, nicht einmal einen Schusswechsel, und selbst dem Ermittler könnte langweiliger nicht sein: Wegen eines peinlichen Unfalls liegt er zu Beginn im Krankenbett - und bis zur letzten Seite wird er dort auch bleiben. Es ist ein Kunstgriff der Autorin, so einfach wie genial, der aus dem Helden einen Hilflosen macht, aus dem Krankenzimmer ein Kammerspiel - und ein zeitloses Plädoyer dafür, genauer hinzusehen.

Der Schweizer Kampa Verlag hat das erkannt und den Roman heuer in einer prächtigen Neuausgabe wieder aufgelegt. Weniger gelungen ist die deutsche Titelwahl, in der (ansonsten makellosen) Übersetzung von Maria Wolff wird "The Daughter of Time" zum flapsigen "Alibi für einen König". Damit unterschlägt der Verlag die zentrale Intention des Originaltitels, der auf ein altes Sprichwort anspielt, das die Autorin ihrem Roman voranstellt: "Truth is the daughter of Time" - die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Im Fall von Josephine Teys vorletztem Buch kann diese Tochter über vierhundert Jahre alt werden.

Die bekannte Legende

Es ist womöglich die längste Cold-Case-Ermittlung der Kriminalliteratur, also ein Fall, bei dem ein altes und ungeklärtes Verbrechen wieder neu aufgerollt wird: Alan Grant, der Patient von Scotland Yard, starrt Inseln und Kontinente in die Deckenrisse, bevor ihn eine Theaterfreundin aus der Lethargie reißt und mit Porträts berühmter Persönlichkeiten versorgt. Grant, der ein Faible für Gesichter hat, stößt dabei auf ein spätes Abbild von Richard III., dem Urvater aller Oberschurken, ein brillanter Sadist, der die eigenen Neffen ermorden ließ, jedes Kind kennt die Geschichte. Doch warum sieht Grant dann einen Richter auf dem Bild und keinen Mörder?

Der Patient beginnt, die Geschichtsbücher seiner Kindheit neu zu lesen. In der Schullektüre tun sich plötzlich Logiklöcher auf. Er vertieft sich in die Schriften des "geheiligten Morus", der gelehrten Koryphäe seiner Zeit, der schon alles über Richard III. geschrieben hat. Oder hat er es nur abgeschrieben? Nach und nach mehren sich die Zweifel beim verhinderten Ermittler, er bekommt den ungeheuerlichen Verdacht, dass die Schulbücher Unsinn festigen und die Geschichte vom mörderischen Tyrannen eine aufgeblähte Legende ist, die nur zusammenhält, weil auch die schweigen, die dabei waren und die Wahrheit kennen.

Dass sich Fakten verdrehen und verheimlichen lassen, war Josephine Tey allzu bewusst: Sie ist selbst nur eine Erfindung (der Vorname ist der Mutter entliehen, der Nachname der Oma), hinter der sich in Wahrheit die menschenscheue Schottin Elizabeth MacKintosh verbirgt. 1896 wird sie in Inverness geboren, führt ein verschwiegenes Leben und verlässt das Elternhaus in den schottischen Highlands nur selten. Ihre krebskranke Mutter pflegt sie bis zu deren Tod 1923. Unter einem zweiten Pseudonym schreibt sie für die Bühne, interessiert sich insbesondere für die Intrigenspiele in englischen Adelshäusern. Ein Interesse, das unweigerlich zum "Alibi für einen König" führt.

Doch ihr gekrönter Roman ist weit mehr als nur eine unterhaltsame Geschichtsstunde. Die Entlarvung von Propaganda und politisch motivierter Tatsachenverdrehung, diese streng zugeknöpfte Tochter der Zeit, die Elizabeth MacKintosh aus dem historischen Gewand des 16. Jahrhunderts befreit, liest sich heute noch erschreckend aktuell. Wenn Alan Grant ein Schreiben seiner Cousine erhält, dann könnten ihre hellsichtigen Gedanken genauso gut als Kommentar zu heutigen Verschwörungsanhängern und Diktatorenverteidigern durchgehen:

"Findest Du es auch so komisch, dass die Leute immer böse werden, wenn man ihnen die wahren Fakten einer Legende erzählt? Sie wollen nicht, dass ihre Vorstellungen über den Haufen geworfen werden. Das macht sie, glaube ich, irgendwie unsicher, und darüber ärgern sie sich. Drum wollen sie gar nicht aufgeklärt werden und weigern sich auch, über die Legende nachzudenken. Wäre es ihnen einfach gleichgültig, wäre das natürlich und verständlich. Aber es sitzt viel zu tief, und darum ärgern sie sich. Komisch, was?"

Friedrich Dürrenmatt hatte die gleiche originelle Idee wie seine britische Kollegin. 
- © epa dpa / Thelen

Friedrich Dürrenmatt hatte die gleiche originelle Idee wie seine britische Kollegin.

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Im selben Jahr, in dem diese Sätze publiziert werden, sitzt ein notorisch verschuldeter Schweizer Autor am Bielersee über seiner Schreibmaschine und verzweifelt. Eigentlich möchte er nicht noch einen Kriminalroman schreiben, doch weil "Der Richter und sein Henker" als Fortsetzungsgeschichte im "Schweizerischen Beobachter" für gute Verkaufszahlen sorgte, bietet ihm die Zeitschrift das doppelte Honorar, wenn er seinem Kommissär Bärlach einen zweiten Fall schreibt. Friedrich Dürrenmatt ist noch nicht weltberühmt, doch er hat schon zwei Kinder in die Welt gesetzt. Außerdem hält er nichts von Sparsamkeit. Eine Absage kann er sich unmöglich leisten.

Die Voraussetzungen, unter denen er zu schreiben beginnt, sind dabei denkbar schlecht: Der junge Autor hasst Wiederholungen, er kann sich nicht konzentrieren, seine Frau ist krank und wieder schwanger, für ein Kindermädchen fehlt das Geld. Zudem leidet Dürrenmatt an Diabetes. Der Dreißigjährige ist geschafft, er sorgt sich um die Gattin, die Zukunft, seine Gedanken umkreisen Krankenhaus und Tod.

In dieser Krisenstimmung kommt es zu einem der merkwürdigen Fälle, in denen zwei Menschen in unterschiedlichen Erdteilen zur gleichen Zeit die gleiche Idee haben: Wie Elizabeth MacKintosh macht auch Friedrich Dürrenmatt seinen Ermittler zum Patienten. Und genau wie in "Alibi für einen König" ist es auch in "Der Verdacht" ein einzelnes Bild, das die allbekannte Wahrheit in Zweifel zieht und zu detektivischen Nachforschungen führt.

Ein Foto als Spur

Kommissär Bärlach liegt vom Krebs zerfressen im Krankenbett, als er im "Life"-Magazin zufällig auf das Bild des berüchtigten KZ-Arztes Nehle stößt, der im Krieg zahllose Juden ohne Narkose operiert und getötet hat. Es ist die einzige Fotografie eines grausamen Phantoms, noch dazu eine schlechte, denn das Gesicht versteckt sich hinter der Chirurgenmaske - und doch erbleicht Bärlachs Freund Dr. Hungertobel, als ihm der Kommissär das Foto zeigt.

Eine Verwechslung, wird er sich einreden, für eine Sekunde hätte er gedacht, auf dem Bild seinen geschätzten Kollegen Dr. Emmenberger zu erkennen, der heute in Zürich die Schwerreichen behandelt. Aber der kann unmöglich das Monster auf dem Foto sein, während des Krieges war Emmenberger schließlich in Chile, das sei weithin bekannt. Doch Hungertobels Reaktion auf das Foto genügt. Wie Alan Grant von Scotland Yard hat auch der alte Berner Kommissär ein Gespür für Gesichter, für ihre Ausdrücke und Blicke, die nicht lügen; er hat bereits Verdacht geschöpft, "und seine Augen funkelten gierig nach einem neuen Abenteuer". Er hat nicht mehr viel zu erwarten, es wird sein letztes sein.

Mitte Juli 1951, als in Großbritannien die Erstausgabe von "The Daughter of Time" erscheint, schickt Dürrenmatt einen Brief an den "Beobachter". Zu diesem Zeitpunkt wollte er seinen Roman ursprünglich schon vollendet haben, stattdessen beklagt er seine erzwungene Rolle als Hausfrau und reicht ein neues Kapitel nach, in dem er einen jämmerlichen Schriftsteller einführt, der das Buch nicht überleben wird. Noch in der Krise hat Dürrenmatt Humor, erzählt von Recherche "an eigenem Leibe" - mit sechs Furunkeln am Hinterteil lag er kürzlich selbst auf dem Chirurgentisch.

Dieses physische Ausgeliefertsein überträgt der Autor direkt auf seinen Ermittler. Nur zwei Kapitel lang ist Bärlach außerhalb einer Klinik, er lässt sich absichtlich ins Sanatorium nach Zürich verlegen, wo sich Emmenberger um ihn kümmern soll. Wie der vermeintliche Schurke nimmt dabei auch Bärlach eine falsche Identität an, doch sein Plan, den bösen Nazidoktor zu enttarnen, geht nach hinten los. Fahrlässig tappt der Kommissär in eine Falle, und Emmenberger, der natürlich Nehle ist, will ihn zu Tode operieren, wie er es mit den Häftlingen im Lager von Stutthof gemacht hat. Das Krankenzimmer wird für Bärlach zum KZ.

Wer trägt Schuld?

Doch weil Dürrenmatt für die zahlende und gerechtigkeitsliebende Leserschaft einer Wochenzeitschrift schreibt, lässt er einem jüdischen Racheengel das letzte Wort in dem Roman. Er korrigiert damit etwas, das nicht korrigiert werden kann, und es wirkt erstaunlich mutig für einen jungen, verschuldeten Autor, in den ersten Jahren des kollektiven Verdrängens und Vorausschauens hinabzublicken in das jüngste und dunkelste Kapitel der Geschichtsschreibung. "Der Verdacht" ist eines der frühesten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die sich offen mit dem Holocaust beschäftigen und die Verbrecher anklagen, deren Taten nicht gesühnt wurden.

Während das "Alibi für einen König" versucht, einen vermeintlichen Täter von seiner Schuld zu entlasten, geht es im "Verdacht" eben darum, den Schuldigen für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen. Beide Ermittler kämpfen im Krankenbett um das Narrativ der Wahrheit, sie ringen um die historische Genauigkeit, die im Strudel der Geschichte allzu leicht verloren geht.

Es ist die Nachlässigkeit, sagt Bärlach einmal, sie lässt die Welt zugrunde fahren. Die armen Hunde werden verfolgt und eingesperrt, doch "die wirklich großen Tiere, meine er, würden unter Staatsschutz genommen wie im zoologischen Garten". Es ist die Nachlässigkeit, die es erlaubt, dass ein nihilistischer Sadist als angesehener Arzt operiert. Es ist die Nachlässigkeit, die den geliebten Regenten mit dem geächteten Schurken verwechselt.

Am 29. Februar 1952 erscheint der letzte Teil von Dürrenmatts "Verdacht" im "Beobachter". Zwei Wochen zuvor stirbt Elizabeth MacKintosh überraschend auf einer Reise nach London. Ihre unheilbare Krankheit hat sie bis zuletzt vor der Welt verschwiegen.