Eine Finanzprüfung nach dem deutsch-österreichischen beziehungsweise österreichisch-deutschen Doppelbesteuerungsabkommen mit allen Schikanen ist Anlass und dramaturgische Klammer für den neuen Bühnentext der in Wien und München lebenden Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

"Hier mag man Sie nicht, dort auch nicht, nirgends", lässt die Autorin ihr literarisches Gegenüber, einen "beamteten Sparringpartner", anheben. Dem (fingierten) Pauschalurteil folgt eine fast 200 Seiten starke Sprachkomposition aus Erregung, An- und Wehklage, mit der die Autorin in bekannt sarkastischer Art Alltägliches und Außerordentliches, chronikale wie fundamentale Stoffe und Ereignisse literarisch ab- und verhandelt.

"Die Einkommenssteuer hat mehr Kriminelle geschaffen als jedes Gesetz": Diese nicht unbedingt neue Erkenntnis über den vermeintlichen "Volkssport" Steuerhinterziehung nutzt Jelinek zu einem ihrer gleichermaßen ausufernden wie hemmungslosen Rundumschläge. Auch wenn ihre Namen nicht genannt werden, sie werden alle vorgeführt: der bayrische Fußballfunktionär, der deutsche Tennisstar von einst und der österreichische "junge, schöne Herr Minister im Nadelstreif-Strampelanzug" von damals, um nur einige Beispiele zu nennen. Der "Volkssport" wird zum Hochleistungssport erhoben - mit "Offshore-Firmen" und "Nullsteueroasen" "Kickbacks" und kärntnerisch-bayrischen Bankenpleiten.

Kapital und Boulevard

"Ich zahle ja, andere zahlen dafür gar nicht, so geht es sich wieder aus", sagt Jelineks Bühnen-Alter-Ego, nachdem das prüfende Gegenüber wohlmeinend die Gründung einer Ein-Personen-Gesellschaft inklusive Selbstanstellung und Betriebspension als steuerschonende Maßnahme vorgeschlagen hat. "Gehören Sie nicht zur Gesellschaft, das ist ganz unnötig, seien Sie selbst eine!"

Aus der Welt von Hochfinanz und Kapital geht es im Jelinek’schen Galopp, diesem sprachlichen Assoziations- und Denunziationszwang, schnurstracks bergab in die Niederungen der Chronik und steil bergauf in die Höhen der Politik. Von einer "Grünen-Chefin im Wettbüro" ist die Rede und von österreichischen Schriftstellern, die sich der schönen Natur und naturgemäß nicht der Steuer wegen nach Irland abgesetzt haben.

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Neonazistische Attentate in Deutschland, Liederbuch-Affären österreichischer Burschenschafter, FPÖ-Gold in Osttirol und Sexualverbrechen in Wien werden ebenso notiert wie die schlagzeilenträchtigen Dauerbrenner des Boulevards und seiner öffentlichen Erregung. Und natürlich die sogenannte "Flüchtlingskrise" - "Jetzt kommen die Habenichtse, die uns nichts bringen, weil sie eben nichts haben" - und Corona: "Wenn sie jetzt auch noch die Friedhöfe schließen, wird es eng werden."

Die Lust an der Chronik, die Häme über das Politische, das Vergnügen am Trivialen und das Entsetzen über die unheimliche Heimat sind neben dem Geschlechterkampf immer schon wohlgefüllte Reservoirs und ausschlaggebende Referenzpunkte im Werk Elfriede Jelineks gewesen. Auch an der Stilistik und dem Schreibverfahren hat sich über die Jahre hinweg kaum etwas geändert. In bester österreichischer Tradition betreibt die Autorin Gesellschaftskritik durch Sprachkritik, legt maßlose "Anti-Theatertexte" vor, die man ebenso als mäandernde Prosastücke auffassen kann, klagt andere wie anderes an, zieht sich dabei selbst in Zweifel und führt die Luzidität ihres Sprachwitzes genussvoll in eine des Öfteren auch ermüdende Serie von Kalauern.

"Geh bitte, muss das sein? Diese depperten Witze dauernd", fragt sich die monologisierende Autorin, um gleich noch tiefere nachzulegen: "Pilatus und Pilates" oder "Friede für Elfriede".

So wie in der Literaturkritik immer wieder von einem "Thomas-Bernhard-Sound" die Rede ist - dem hämmernden Stakkato der wahnwitzigen Monologe -, so ließe sich auch von einer Jelinek’schen Tonleiter sprechen: Polyphone Tiraden, Sprachspiel und Wortwitz, Kaskaden und Kalauer. K.u.k. sozusagen.

Aber in Elfriede Jelineks neuem Bühnentext, und das ist zweifelsohne das inhaltlich Herausragende, kommt eine in Anbetracht des bisherigen literarischen Werkes überraschende inhaltliche Dimension hinzu. Jene der realen Elfriede Jelinek und ihrer Familiengeschichte.

Es ist die Geschichte der Verwandten, die dem Holocaust in den Vernichtungslagern der Nazis zum Opfer gefallen sind, sofern sie nicht rechtzeitig flüchten konnten, wie Jelineks Cousin Walter Felsenburg, ein prominenter Journalist und Gerichtsreporter zu Zeiten der Ersten Republik und des Austrofaschismus. Aus persönlicher Betroffenheit entsteht eine politische Anklage, ein fulminantes Furioso - offene Abrechnung statt scheinheiliger, offiziell verordneter und öffentlich inszenierter Vergangenheitsbewältigung.

Die Oma Schirach

Insbesondere zwei Nazi-Größen werden vorgeführt. Der Rechtsanwalt Arthur Seys-Inquart, über dessen Gerichtsauftritte Jelineks Cousin noch ausführlich berichtet hatte, bevor der (nach 1945 in Nürnberg gehenkte) Anwalt zum "Reichsstatthalter der Ostmark" avancierte und der Journalist mit seiner Ehefrau gerade noch über die Schweiz nach England entkommen konnte.

"Reichsjugendführer" Baldur von Schirach ist die Nummer zwei auf der literarischen Anklagebank. Obwohl er als "Gauleiter von Wien" für die massenhafte Deportation und Ermordung der jüdischen Einwohner verantwortlich zeichnete, was er übrigens als "aktiven Beitrag zur europäischen Kultur" bezeichnete, kam er beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess mit zwanzig Jahren Haft davon.

Abgerechnet wird aber auch mit dessen Ehefrau Henriette, der Tochter von Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann. Denn mit ihr, und mit einer höchst unappetitlichen "Restitutionsgeschichte", schließt sich auch der thematische Kreis aus Finanz, Kapital und Steuer, den Elfriede Jelineks Bühnentext umspannt.

Henny, wie Schirachs Frau auch genannt worden sein soll, kaufte zehn Jahre nach Kriegsende das von den Alliierten konfiszierte Familienlandhaus am bayrischen Kochelsee höchst günstig zurück, um es wenige Monate später zum doppelten Preis zu verscherbeln. "Die Oma Schirach, die hat das Geschäft ihres Lebens mit robuster Hilfe der Bayern gemacht." Jene Oma, die in ihrem in den 1980er Jahren erschienenem Buch "Anekdoten um Hitler" diesen als "gemütlichen Österreicher" bezeichnet hat, "der sich und andere ein bisschen glücklich machen wollte".

Jelineks knapper und sarkastischer Kommentar, bezogen auf Nazi-Deutschland: "Dass sie den Führer für einen netten, gemütlichen Österreicher gehalten haben, kann man verstehen, die meisten Österreicher sind nett, genau wie der Führer, das kann ich von mir aus bestätigen."

Die Uraufführung des Stücks wird Mitte Dezember in einer Inszenierung von Jossi Wieler am Deutschen Theater Berlin stattfinden.