Flavius Claudius Iulianus, besser bekannt als Julian Apostata, war ein seltsamer römischer Kaiser. Er stand gerade einmal drei Jahre an der Spitze des Imperium Romanum, von 361 bis 363 nach Christus, er hat die Hauptstadt Rom nie betreten und war als
Neffe Konstantins des Großen eher zufällig an die Macht gekommen. Als Feldherr war er wenig erfolgreich, und so war es beinahe folgerichtig, dass er auf dem Schlachtfeld von einem persischen Speer getroffen und tödlich verwundet wurde.

Trotzdem hat er die Nachwelt mehr beschäftigt als andere, berühmtere Gestalten der Spätantike. Das hat zum einen damit zu tun, dass er ein durchaus opulentes philosophisches Werk hinterlassen hat. Vor allem aber war er der Kaiser, der das Christentum zurückdrängen wollte. Daher auch sein Beiname Apostata, der Abtrünnige: Er hatte den christlichen Glauben aufgegeben und sich wieder der antiken Götterwelt sowie heidnischen Mysterienkulten zugewandt.

Held oder Satan

"Und so wurde Julian zum Buhmann, zur Zielscheibe für viele spätere christliche Autoren, lange nachdem das Christentum im größten Teil von Europa und auch darüber hinaus zur vorherrschenden Religion geworden war. Sein Ruf hallte nach: Milton nannte ihn ‚den gewandtesten Feind unseres Glaubens‘. Später fand Julian dann Unterstützung bei den Denkern der Aufklärung, bei Agnostikern, Libertären und so weiter. (...) Eine Gestalt, die je nach dem wechselnden Licht der Geschichte interpretiert werden kann: für die einen ein ‚Durchhalteheld‘, wie EF ihn ironisch genannt hatte, für andere so etwas wie Satans kleiner Bruder."

EF, so nennt der Erzähler Neil die titelgebende Elizabeth Finch, und sie ist es, die ihn zu einem langen Essay über Julian animiert, einem hochinteressanten Text über Leben und Rezeption des Apostaten, der den Mittelteil dieses Romans bildet. Kennengelernt hat Neil EF an der Abenduni, wo sie ein Seminar über Kultur und Zivilisation gegeben hat. In ihrer Art des klaren, unkonventionellen Denkens hat sie ihn so fasziniert, dass er sich noch zwanzig Jahre lang regelmäßig mit ihr zum Mittagessen trifft. Wobei von seiner Seite durchaus Liebe im Spiel ist, eine "romantisch-stoische Liebe" freilich, bei der der Eros rein intellektueller Natur bleibt.

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Als sie stirbt, vermacht sie ihrem ehemaligen Studenten ihre Bibliothek und ihre Aufzeichnungen - darunter auch jede Menge Material zu diesem römischen Kaiser. Für den hat sie sich vor allem deshalb interessiert, weil er dem christlichen Monotheismus den heidnischen Polytheismus entgegengehalten hat. Und alles, was "mono" war, war ihr suspekt: "‚Monotheismus‘, sagte Elizabeth Finch. ‚Monomanie. Monogamie. Monotonie. Was so anfängt, kann nichts Gutes sein.‘ Sie machte eine kurze Pause. ‚Monogramm - ein Zeichen von Eitelkeit. Dito Monokel. Monokultur - Wegbereiter des Sterbens des ländlichen Europa.‘"

Diese Liste der wenig erstrebenswerten Monozustände geht noch weiter, das Thema taucht im Roman immer wieder auf, vor allem aber: Der Roman selbst demonstriert eindringlich, dass alles Eindeutige, Abgeschlossene, Schlüssige eine Illusion ist. Das gilt für auch Julian Apostata, von dem nicht nur die Aufklärungsphilosophen angetan waren, sondern ebenso ein Mann wie Adolf Hitler.

Der wie immer bei Barnes unzuverlässige Erzähler Neil (dem man einen so klugen Essay über eine historische Persönlichkeit nicht zugetraut hätte) erkennt das auch, als er über Elizabeth Finch zu schreiben versucht. Eine "Gedenkschrift" soll es werden, keine Biografie. Aber selbst die muss zwangsläufig fragmentarisch bleiben. Seine Ex-Kommilitonin Anna erklärt ihm, warum sich das Leben ihrer Dozentin nicht in eine Geschichte verwandeln lässt.

Vieles zugleich

"‚Du weißt ja, wie sie war‘, fing Anna an. ‚Eine Mischung aus grenzenloser Offenheit und jähem Verschweigen. (...) Die meisten Frauen erzählen dir etwas von Wie wir uns kennengelernt haben‘ - sie malte Anführungszeichen in die Luft - ‚und Warum es nicht geklappt hat (...) EF war nicht so. Bei ihr bekamst du das Fazit, aber nicht die Erzählung. Warum? Der naheliegende, normale Grund wäre Achtung der Privatsphäre, Wahrung der Diskretion. Aber ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es vielleicht auch etwas Größeres war: das Gefühl, dass ein Leben, auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen, keine Erzählung ergibt - oder nicht das, was wir unter einer Erzählung verstehen und uns davon erwarten.‘"

Julian Barnes’ Roman behauptet das nicht nur, sondern führt es in seiner Machart eindrucksvoll vor Augen. Er ist nicht "mono", sondern vieles zugleich: Liebesroman, geschichtlicher Essay, philosophische Erzählung, biografisches Fragment. "Elizabeth Finch" ist ein durchaus irritierendes Buch, aber eines, das produktiv irritiert und in dem Julian Barnes alle Register seines literarischen Könnens zieht.