Im Mai 2021 wurden in anonymen Grabstellen auf dem Gelände eines ehemaligen kanadischen Internats 215 Kinderleichen gefunden. Die Weltöffentlichkeit reagierte schockiert - und erfuhr erstmals von den sogenannten Residential Schools, die mehr als 100 Jahre lang betrieben wurden, um indigenen Kindern mit aller Gewalt ihre Kultur auszutreiben. Michel Jeans jüngster Roman "Maikan" gewährt erschreckende Einblicke in das Leben der Internatszöglinge, in einen Schulalltag drakonischer Strafen und sexuellen Missbrauchs. Im Zoom-Gespräch mit der "Wiener Zeitung" äußert sich der 62-jährige Autor indigener Herkunft über die verheerenden Folgen der Zwangsintegration für die autochthonen Kulturen Kanadas.

"Wiener Zeitung": In Kanada wurden über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren an die 150.000 indigene Kinder in Residential Schools gesperrt, meist unter unmenschlichen Bedingungen. Wurde das Thema in Kanada verschwiegen?

Michel Jean: Das nicht gerade, aber die offiziellen Stellen waren an einer umfassenden Aufarbeitung der Missstände nicht besonders interessiert. Überhaupt wird indigener Kultur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht, an den Schulen erfährt man kaum etwas über die Geschichte der Ureinwohner des Landes. So ist es aber nicht nur in Kanada, fragen Sie einen Norweger, was er über die Kultur der Sami weiß, der Ureinwohner Skandinaviens. Die kanadische Gesellschaft wusste praktisch nichts über die Zustände in den Internaten, selbst innerhalb der indigenen Community wurde das kaum thematisiert. Die Funde der Kinderleichen waren für uns nicht überraschend: Wir wussten, dass sie da sein mussten. Es gibt keine einzige indigene Familie, in der nicht ein Opfer zu beklagen war und ist.

Auch in Ihrer eigenen Familie?

Viele Mitglieder meiner Familie wurden in Residential Schools verfrachtet, aber auch bei uns wurde kaum darüber gesprochen. Erst 2011 erzählte mir eine Cousine meiner Mutter, wie sie gewaltsam von ihrer Familie weggebracht und auf die Fort George Residential School geschickt wurde. Eine andere Cousine kehrte nicht mehr lebend aus dieser Schule zurück, sie wurde zehn Jahre alt. Das war in den 1950er-Jahren, damals wurden keine offiziellen Erklärungen abgegeben, die Eltern bemerkten es erst, als ihr Kind bei Ferienbeginn nicht mit den anderen zurückkam.

Klassenzimmer in der Residential School in Fort Resolution, Datum unbekannt. - © BiblioArchives / LibraryArchives Canada, via Wikimedia Commons
Klassenzimmer in der Residential School in Fort Resolution, Datum unbekannt. - © BiblioArchives / LibraryArchives Canada, via Wikimedia Commons

Dieses traumatische Ereignis erwähnen Sie in Ihrem 2019 auf Deutsch erschienenen Roman "Kukum".

Bis heute weiß die Familie nicht, was mit dem Mädchen passiert ist. Vor wenigen Jahren erfuhren wir, dass sie irgendwo auf einem Mohawk-Friedhof in der Kahnawake-Reservation in der Nähe von Montreal begraben sein muss, die genaue Grabstätte kennen wir aber nicht. Die Familie findet sich aber trotzdem dort ein, um zu trauern. Bei einem dieser Zusammenkünfte brach es förmlich aus einer Verwandten heraus: Sie erzählte uns zum ersten Mal davon, dass sie im Internat regelmäßig vergewaltigt wurde. Die Überlebenden haben Zeit gebraucht, um mit ihren Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Inzwischen ist ein Prozess im Gange, der durch nichts mehr aufzuhalten ist.

Die Fort George Residential School ist auch Schauplatz Ihres jüngsten Romans "Maikan". Sie schildern darin die sadistischen Methoden des Lehrpersonals. Beruhen die geschilderten Gewaltakte auf wahren Tatsachen?

Alles hat sich genauso zugetragen, wie ich es beschreibe: Die Kinder durften nicht mehr ihre eigene Sprache sprechen, sie wurden regelmäßig verprügelt, bei kleinsten Verstößen wurde ihnen Mahlzeiten verwehrt. Sie wurden in dunkle Verliese in Einzelhaft gesteckt, Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Der Innuit-Titel "Maikan" bedeutet auf Deutsch "Wölfe". So wurden die brutalen Mönche und Nonnen heimlich genannt.

Die beiden überlebenden Protagonisten des Romans verfallen später dem Alkohol. Welche Nachwirkungen zeitigen die Residential Schools in den indigenen Gemeinschaften?

Die Folgen sind verheerend und werden uns noch lange Zeit beschäftigen. Die Wunden sitzen tief. Erklärtes Ziel dieser Einrichtungen war es, die traditionelle Lebensweise, die eigene Sprache und Herkunft als minderwertig darzustellen, gewissermaßen "den Indianer im Kind zu töten", akademisches Wissen wurde den Kindern kaum beigebracht. Viele Studien belegen, dass Alkohol- und Drogenmissbrauch in indigenen Gemeinschaften zeitgleich mit den Residential Schools auftauchten, die erst 1996 endgültig geschlossen wurden. Das Leben in vielen indigenen Gemeinden ist hart, der Bildungstand ist niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch, es gibt viele soziale Probleme und erdrückende Armut. In entlegenen Siedlungen gibt es beispielsweise bis heute kein fließendes Wasser.

Der indigene kanadische Autor Michel Jean (62). - © Julien Faugere
Der indigene kanadische Autor Michel Jean (62). - © Julien Faugere

"Maikan" erzählt auch von kathartischen Momenten: Einer der Protagonist besiegt seine Sucht und kümmert sich fortan selbstlos um andere, eine weiße Anwältin kämpft für Entschädigungszahlungen an die Opfer.

Die Situation ist nicht hoffnungslos. In den vergangenen Jahren ist viel in Bewegung geraten, das Bewusstsein für die eigene Kultur ist erstarkt. Wichtig ist nun die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Geschichte.

Welchen Beitrag vermag die Literatur da zu leisten?

Ich versuche in meinen Büchern, eine indigene Perspektive auf die Welt zu vermitteln, die sich deutlich von der vorherrschenden kapitalistischen Weltsicht unterscheidet. Im Kapitalismus geht es immer um Fortschritt und Wachstum, eine steile Aufwärtsbewegung, die derzeit durch die Klimakrise jäh ausgebremst wird. Die Inuit betrachten das Leben hingegen als ewigen Kreislauf, die Natur ist kein Objekt der Ausbeutung, sondern wird als lebender Organismus wahrgenommen, mit dem man respektvoll umgeht - eine nachhaltige und damit auch zeitgemäße Lebensphilosophie.