Caligula, Nero, Ivan der Schreckliche, Katharina von Medici, Mao Zedong, Idi Amin, Pinochet, Mugabe, Napoleon, Richard III., Trump . . .

Trump? - Trump.

Das seien alles Tyrannen - zumindest erscheinen sie als Beispiele für solche Gestalten im Buch "Tyrannen", herausgegeben von André Krischer und Barbara Stollberg-Rilinger.

Schon drängen sich Fragen auf: Was soll diese Auswahl? Donald der Schreckliche von Nordamerika? Dass Hitler und Stalin nicht vorkommen - geschenkt, über die ist genug Papier bedruckt worden. Aber Freispruch durch Abwesenheit für Cromwell? Mussolini ungenannt, Trump aber schon - zumindest als "Möchtegern"?

Sehr seltsam, das alles.

Das interessanteste Kapitel steht am Anfang: Caligula. Aloys Winterlings Thesen sollte der Leser als feines Mycel universalen Verständnisses durch das ganze Buch ausweiten. Davon später.

Ganz geheuer war den Herausgebern ihr Ansatz offenbar selbst nicht. Im Vorwort geben sie zu, dass "Tyrann" ein Werturteil ist. Gewiss: Aristoteles hat in seiner "Politik" den Tyrannen als Herrscher definiert, der nur seiner Willkür folgend herrscht. Man könne solche Machthaber in Demokratien ebenso finden wie in Diktaturen, schreiben Krischer und Stollberg-Rilinger. Der Despot sei, Aristoteles zufolge, das Oberhaupt des Haushalts und damit der Herr über die Sklaven. Der Tyrann verhalte sich dem Staat gegenüber wie ein Despot, er behandle das Volk wie Sklaven.

Trump also hat die Bürger der USA in eine Unfreiheit geführt, die einer Knechtschaft entspricht? - Man kann diesen Politiker unsympathisch finden und unfähig, man kann seine tatsächlich oft widerlichen Wortmeldungen ablehnen. Doch beim quasi versklavten Volk der USA während der Trump-Zeit wird man dennoch die Augenbrauen fragend hochziehen. Nun gut, dann verpasst man Trump also die Beifügung "Möchtegern-Tyrann": Er hätte schon gerne, aber er hat‘s nicht geschafft. Funktioniert so Geschichtsschreibung, die seit Tacitus "sine ira et studio" betrieben werden soll, also ohne Ressentiment und Parteilichkeit?

Es bleibt dabei: Ein Tyrann ist, wer als Tyrann bezeichnet wird. Es genügt, in einer Machtposition zu sein und gegen den Wertekanon eines Historikers zu verstoßen.

Insofern ist die Auswahl im Buch interessant. Das sind keineswegs nur die landläufig als Tyrannen verschrieenen Machthaber, sondern auch vermeintliche Lichtgestalten wie Zar Peter I. sind darunter, und der eine oder andere wird pardoniert.

Lücken gibt es immer

Andererseits klaffen Lücken - wie immer, wenn aufgezählt wird. Zugegeben: Man kann vielleicht verschmerzen, dass Ranavalona I., nicht vorkommt, die im 19. Jahrhundert als Königin von Madagascar ein Terrorregime errichtete; man kann eventuell auch darüber hinwegsehen, dass Tojo Hideki fehlt, der erst als Generalstabschef der japanischen Armee die Massaker beim japanischen Überfall auf China, danach als Premierminister Japans den Überfall auf Pearl Harbour und die Gräuel der japanischen Kriegsführung zu verantworten hatte.

Doch manch eine Tyrannei wirkt bis heute, oft verheerend, nach. Die Herrschaften von Papa Doc François Duvalier und seinem Sohn Baby Doc Jean-Claude Duvalier haben Haiti zu einem Staat gemacht, in dem nichts geht. Ebenso hat Ajatollah Ruhollah Khomeini den Iran auf eine katastrophale Weise geprägt, und erst der gegenwärtige anwachsende Widerstand gegen die restriktive Führung auf der Basis eines unaufgeklärten Islam lässt einen Funken Hoffnung für die Menschen aufkeimen. Auch Rumänien leidet immer noch unter den Auswirkungen des Regimes von Nicolae Ceaușescu. Und manchmal überzuckert die Verklärung ein Bild: Wie war es doch mit Maria Theresia und ihrer Intoleranz gegen Juden, ihrer Festschreibung der Folter, der Androhung von Todesstrafe für Homosexualität und Abtreibung?

Wie stets in der Geschichtsschreibung: Es bedarf eines genauen Hinsehens, eines feinen Abwägens. Die Frage, wer sich als Tyrann verhalten hat und wer nicht, ist keine Ausnahme. Und nicht jeder Tyrann, der individuell als Tyrann empfunden werden mag, ist auch ein Tyrann. Innen- und Außenansichten tun ein Übriges, dass die Angelegenheit noch komplizierter wird, als sie naturgemäß ohnedies schon ist.

Das Paradebeispiel dafür war bisher der römische Kaiser Nero. Er wurde zerrieben zwischen der Skylla der senatorisch geprägten römischen und der Charybdis der christlich geprägten nachrömischen Geschichtsschreibung. Die römischen Autoren verziehen dem Schöngeist nicht seine griechische Einstellung mit Lust am guten Leben, an sportlichen und musischen Wettkämpfen und einer dezidierten Abneigung gegen das römische Ideal, den Krieg. Die nachrömische Geschichtsschreibung machte Nero das einzige zum Vorwurf, was die römische gut an ihm fand: dass er die Christen verfolgte.

Der Fall Nero freilich ist heute weitestgehend aufgearbeitet. Aloys Winterling schlägt indessen eine ebenso quellenkritische Vorgehensweise für Caligula vor. Schließlich: Die wenigsten Tyrannen sind mit ihrem Spitznamen in die Geschichte eingegangen: Caligula, das Stiefelchen, wurde Gaius Caesar Augustus Germanicus genannt, weil er als Kind in Soldatenstiefeln ging. Könnte dieser Caligula ähnlich Nero ins Mahlwerk der antiken und modernen Historiker geraten sein - nämlich in das der antiken, weil er auf zugegebenermaßen zynische Weise die Machtlosigkeit des Senats manifestierte und damit das faktische Ende der römischen Republik; und in das der neuen Historiker, die unreflektiert das Bild vom wahnsinnigen Herrscher übernahmen, um gleichsam beispielhaft gegen die Staatsform der Monarchien an sich zu schreiben?

Differenzierte Betrachtungen

Wenn an solch einer (zugegebenermaßen bestechenden) Überlegung etwas dran ist: Müssten dann nicht alle tatsächlichen und gefühlten Tyrannen einer solchen neuen Überprüfung unterzogen werden? Zweifellos werden die Ergebnisse in den extremen Fällen wie Hitler, Stalin, Mussolini, Idi Amin und ähnlichen Erscheinungen halten. Aber wenn selbst einem Kriegstreiber wie Napoleon die differenzierte Betrachtung zugebilligt wird: Wie steht es dann mit Erdoğan? Und eben mit Trump?

Furchtbarer Gedanke: Ist die Geschichtsschreibung über die Gegenwart gerade dabei, in die Falle der zu großen Nähe zu tappen? Wird sie dereinst so als interessensgetrieben gewertet werden, wie Winterling es der römischen Geschichtsschreibung nachweist? Dann wäre es gut möglich, dass die gegenwärtigen Berichte und Analysen vor der Quellenkritik der Nachwelt versagten.

Gute Bücher beantworten Fragen. Bessere Bücher stellen Fragen.

Dieses also ist ein ganz hervorragendes Buch.