Vor kurzem ist Snoopy wieder einmal ins Weltall geflogen. Bei der Artemis-Mondmission der Nasa ist er in Raumfahrtanzug als sogenannter "Zero-Gravity-Indicator" an Bord. Das ist nur eine von vielen Kooperationen, die diesen charismatischen Hund, der auf seiner Hütte auch ein Flieger-Ass ist, mit der US-Raumfahrtbehörde verbindet. Diese Partnerschaft hat sein Schöpfer Charles M. Schulz schon vor mehr als 50 Jahren (bei Apollo 10) möglich gemacht. Ein schöner Zufall, dass Snoopy nun also zum 100. Geburtstag seines "Vaters" in einem Raumschiff herumschwebt. Und so die nachgerade kosmische Wirkmacht des Werks von Charles M. Schulz demonstriert.

Charles M. Schulz wurde am 26. November 1922 in Minnesota geboren. Seine berühmte Figur Charlie Brown erblickte am 2. Oktober 1950 das Licht der Welt. In einem Strip, der schon von Anfang an klar machte, dass es dieser Bursche nicht leicht haben würde: Charlie trottet einher, und ein anderer Bub, der am Gehsteig sitzt, sieht ihm nach. "Da geht Charlie Brown. Guter, alter Charlie Brown." Kaum ist Charlie Brown vorbei gegangen, sagt er: "Wie ich ihn hasse."

Charles M. Schulz an seinem Zeichentisch. Jeden einzelnen Strip zeichnete er selbst. Die Dialoge in den Sprechblasen schrieb er immer zuerst. - © getty / Bettman / Carlsen
Charles M. Schulz an seinem Zeichentisch. Jeden einzelnen Strip zeichnete er selbst. Die Dialoge in den Sprechblasen schrieb er immer zuerst. - © getty / Bettman / Carlsen

Das war bereits Einstimmung auf das, was in den kommenden 50 Jahren folgen sollte: Eine Welt im Kleinen, die keineswegs nur die Sonnenseiten des Lebens barg. Schulz‘ größte Subversion ist wohl, dass es sich bei den "Peanuts" um Kinder handelt. Der vom Verdruss verfolgte Charlie Brown, die grantig-sarkastische Lucy, der zutiefst unsichere Linus - sie alle sind ständig mit den großen existenziellen Fragen des Lebens konfrontiert. Ohne irgendeinen Erwachsenen, der sie beantwortet. Gut, es gibt da diesen Hund, der ist aber auch nicht gerade eine moralische Instanz. Deswegen wäre der Name, den Schulz selbst für diese Gesellschaft ausgewählt hatte, viel passender: Er war schlicht "Lil‘ Folks" - also "Kleine Leute".

Jedes verdammte Mal

Schulz‘ Opus würde aber nicht Jahrzehnte später noch so eine große Beliebtheit anhaften und eine fixe Säule im Referenz-Repertoire der Popkultur sein, wenn er einfach nur grübelnde Kinder gezeichnet hätte. Schulz hatte die Genialität, diese Beobachtung mit Humor und Tröstlichkeit zu vereinen. Symbolisch kann dafür die berühmte und vielzitierte Comic-Situation stehen: Regelmäßig verspricht Lucy, Charlie Brown nicht den Football wegzuziehen, wenn er auf ihn zuläuft. Er glaubt ihr jedes Mal. Und jedes verdammte Mal zieht sie ihn dann doch weg. Die Frage, die sich jeder vernünftige Mensch stellt ("Warum, Charlie Brown???"), beantwortet das Mädchen mit treffsicherer Bosheit: "Dein Glauben an die Menschheit ist eine Inspiration für die Jugend dieser Welt, Charlie Brown."

Charles M. Schulz‘ Abschiedsbrief an seine Fans. - © Peanuts Worldwide LLC / Carlsen
Charles M. Schulz‘ Abschiedsbrief an seine Fans. - © Peanuts Worldwide LLC / Carlsen

Bibel-Exegese im Comic

Dass die optimistisch-hinterfragende Grundeinstellung, die die Comic-Strips durchzieht, von Charles M. Schulz‘ eigenem christlichen Glauben und dessen Entwicklung im Lauf seines Lebens unterfüttert war, ist kein Geheimnis. Robert L. Short hat schon 1965 eine eigene Exegese verfasst: In "The Gospel according to Peanuts" wird unter anderem erkannt, dass Charlie Brown, glückloser Baseball-Trainer auf dem Spielfeldhügel, niemand anderen als den nicht weniger glücklosen Hiob versinnbildlicht. Ein Artikel in "The Atlantic" hat abgezählt, dass mehr als 560 von Schulz‘ rund 17.800 Peanuts-Zeitungsstrips über eine religiöse, spirituelle oder theologische Anspielung verfügen. Manche sind recht ausformuliert, wie im saisonalen TV-Special, in dem die "wahre Bedeutung von Weihnachten" mithilfe der Bibel und einem zerrupften, nadellosen Baum mit nur einer Kugel gefunden wird. Oft sind es auch wörtliche Bibelzitate, da können Charlie Brown und Snoopy schon einmal mit der Heiligen Schrift in der Hand miteinander diskutieren. Für die 1950er war das unüblich: "Aus der Bibel zu zitieren war lange verboten für Comic-Strips", erzählte Schulz einmal. "Die (Zeitungen und Agenturen, Anm.) wollten nicht, dass man sich in diese Bereiche vorwagte." Damals galten Comics nicht als Kunst, sondern als Schund, und Schulz wurde auch kritisiert, die Bibel so quasi zu besudeln.

Snoopy, der bibelfesteste Hund der Comic-Geschichte. - © Peanuts Worldwide LLC / Carlsen
Snoopy, der bibelfesteste Hund der Comic-Geschichte. - © Peanuts Worldwide LLC / Carlsen

Den Mann, der lange Jahre in Sonntagsschulen unterrichtete und dessen in den Kriegsdienst mitgenommene Bibel mit theologischen Randnotizen übersät war, kümmerte das wenig. Im Lauf der Jahre entwickelte sich sein Glaube zu einer weiter gefassten Spiritualität auf christlicher Basis. So wurde er zum Beispiel skeptischer, was die Existenz eines Himmels angeht. Das fand Niederschlag in einem Gespräch, das Sally mit ihrem Bruder Charlie Brown führt: "Kommen wir in den Himmel, wenn wir sterben?", fragt sie. Er antwortet: "Mir gefällt der Gedanke." Diese Mischung aus Zweifel und Hoffnung ist so typisch für Charlie Brown, und dass Schulz diese fundamentale Fragestellung in einem Kindergespräch mit zwei Sätzen auf den Punkt bringt, macht sein Werk so einzigartig.

Charles M. Schulz starb 2000 wenige Stunden, bevor der Strip, den er zum Abschied gezeichnet hat, gedruckt wurde. Der Zuspruch, den seine minimalistischen Bildgeschichten bieten, ist ungebrochen. In Zeiten wie diesen braucht man trostreiche Sätze wie diesen: "Sorge dich nicht, dass die Welt heute untergeht. In Australien ist es schon morgen."