Den Kapitalismus irgendwie eklig zu finden, als Ursache so ziemlich aller Übel zu identifizieren oder ihn zumindest kalt, herzlos und menschenverachtend zu finden, ist eine Pose geworden, mit der man nicht nur den Beifall jugendlicher Klebeaktivisten bekommt, sondern auch bei bürgerlichen Cocktails punkten kann. Kapitalismuskritik ist in wie selten zuvor; derzeit vor allem im Kontext mit dem Klimawandel, an dem er natürlich auch schuld ist. (Dass die Luft nirgendwo so verdreckt war wie in den sozialistischen Staaten vor 1989, ist zwar ein Faktum, aber Fakten sind im Milieu der Kapitalismuskritiker nicht so wichtig.)

Es überrascht daher nicht, dass das neue Buch der deutschen Journalistin Ulrike Herrmann mit dem unmissverständlichen Titel "Das Ende des Kapitalismus" ein veritabler Bestseller geworden ist. Denn unter kapitalistischen Bedingungen verkauft sich Antikapitalismus eben derzeit wie geschnitten Brot; dass darob viele Bäume sterben müssen, wird der gelernte Marxist als Nebenwiderspruch abtun, der hinzunehmen ist.

Herrmann vertritt eine einfache und leicht verständliche These: "Der Kapitalismus (...) erzeugt nicht nur Wachstum, sondern muss auch wachsen, um stabil zu sein. Ohne ständige Expansion bricht der Kapitalismus zusammen. In einer endlichen Welt kann man aber nicht unendlich wachsen."

Ihr Schluss aus dieser Erkenntnis: Ewige ökonomische Expansion hält das Klima nicht aus, wir müssen deshalb in Hinkunft mit deutlich weniger materiellem Wohlstand auskommen, um das Klima zu retten. Nur wenn wir die Wirtschaft schrumpfen, werden wir nicht verglühen, sozusagen.

Grünes Schrumpfen

"Um sich dieses "grüne Schrumpfen" vorzustellen, hilft es, vom Ende her zu denken", schreibt sie allen Ernstes. "Wenn Ökostrom knapp bleibt, sind Flugreisen und private Autos nicht mehr möglich. Banken werden ebenfalls weitgehend obsolet, denn Kredite lassen sich nur zurückzahlen, wenn die Wirtschaft wächst."

Aber immerhin, ein bisschen Essen wird es in dieser seltsamen Welt noch geben: "In einer klimaneutralen Wirtschaft würde niemand hungern - aber Millionen von Arbeitnehmern müssten sich umorientieren. Investmentbanker oder Flugbegleiter wären überflüssig, dafür würden aber sehr viel mehr Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und auch in den Wäldern benötigt, um die Folgen der Klimakrise zu lindern."

Das Ganze erinnert ein wenig an den "Morgenthau-Plan", mit dem radikale US-Militärs Deutschland nach 1945 zu einer rein agrarischen Nation ohne jegliche Industrie umbauen wollten, gemischt mit einem Schuss Kommunismus im Stile der Roten Khmer in Kambodscha, wo private Autos oder Flugreisen ja auch nicht üblich waren, der CO2-Ausstoß allerdings den Pariser Klimazielen entsprochen haben dürfte.

Um eine derartige Elends-Wirtschaft durchzusetzen, in welcher der Staat darüber entscheidet, wer was konsumieren darf und vor allem, was nicht (nämlich so ziemlich alles, was Spaß macht), regt die Autorin die Einführung einer Art von Kriegswirtschaft an, in der es zwar formal noch Privateigentum an Produktionsbetrieben gibt, der Staat aber festlegt, was zu welchen Preisen produziert und verkauft werden muss.

Es ist eine Art von DDR-Idyll, das uns Hermann in ihrem Buch verkaufen will: "Wie sich klimaneutral leben ließe, hat die wachstumskritische Degrowth-Bewegung liebevoll beschrieben: Man würde nur noch regionale und saisonale Produkte nutzen, könnte Freunde treffen, notwendige Reparaturen selbst durchführen und Kleider nähen. Die meisten Gebrauchsgegenstände würde man mit den Nachbarn teilen, zum Beispiel Rasenmäher, Bohrmaschinen, Spielzeuge oder Bücher."

Kann man romantisch verklären, kann man aber auch als eine Diktatur des Mangels verstehen, die sich in der Geschichte noch nie besonderer Beliebtheit erfreut hat. Und die vor allem auch nicht notwendig sein wird. Denn in allen Industriestaaten hat sich das Wirtschaftswachstum zum Teil massiv vom Ressourcenverbrauch abgekoppelt. Es wird also mehr Wirtschaftsleistung mit weniger Einsatz von Rohstoffen erzeugt, was die Grenzen des Wachstums jedenfalls sehr, sehr weit hinausschiebt.

Was schon die Frage nahelegt: Geht es Autoren wie Ulrike Hermann eigentlich darum, das Klima zu retten - oder nicht viel eher um einen Vorwand, endlich den verhassten Kapitalismus abdrehen zu können?