Alles eine Frage der Perspektive: Nüchtern betrachtet sind die literarischen Notizbücher, die Peter Handke seit Ende 1975 führt, sein umfangreichstes Werk, denn im Laufe der Jahre hat er mehr als 35.000 Seiten beschrieben. Allerdings sieht Handke das anders: Seine randvoll gekritzelten Kladden seien kein "Werk", denn es handelt sich bei den Notizen um Materialsammlungen und Vorstufen zu den literarischen Texten.

Das leuchtet ein. Trotz postmoderner Ideen über die Prozessualität von Texten, die alle Entstehungsstufen von der Notiz bis zum publizierten Buch einbeziehen, dürfte den meisten Lesern recht egal sein, was in den Materialsteinbrüchen der Schriftstellernotizhefte drinsteht. Bei Ausnahmeautoren wie Kafka oder Hölderlin mag das anders sein - da zählt dann durchaus, was in den Tagebüchern oder Folioheften über das bekannte Werk hinaus zu finden ist.

Für Spezialisten

Aber bei allem Kunstpriester- und Nobelpreisträgertum wird man die literarhistorische Bedeutsamkeit des Kärntner Autors nicht in der Höhendimension der zwei vorgenannten Beispiele verorten. Vielmehr liegt auf der Hand, dass die Edition der Notizbücher, die nun erstmals in Form von "Die Zeit und die Räume. Notizbuch. 24. April - 26. August 1978" vorliegt, vor allem eine Angelegenheit des Verlags und der wissenschaftlichen Herausgeber ist; eine dieser germanistischen und editionsphilologischen Übungen also, die in mühseliger, jahrelanger Arbeit Publikationen für ein extrem begrenztes Publikum hervorbringt, die direkt in Forschungsbibliotheken wandern, um dort auf professionelle Leser zu warten.

Im speziellen Falle Handkes kommt hinzu, dass dessen Tagebücher, angefangen 1977 mit "Das Gewicht der Welt" bis zur heurigen Lieferung mit "Innere Dialoge an den Rändern" reichend, als eine Melange aus Arbeitsjournal und intimem Tagebuch bereits einen etablierten Teilzweig seines Œuvres repräsentieren. Die Notizbücher nun gehen noch einen Schritt hinter die längeren, strukturierten Eintragungen der Journale zurück, indem sie größtenteils aus ein- oder zweizeiligen Eintragungen bestehen und sich nur selten zu längeren Textkonglomerationen ballen.

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Nicht die Bauteile von Handkes Erzähltexten, sondern gleichsam die atomisierten Bruchstücke seines Denkens, Beobachtungen und Zitatmaterial finden sich hier, zuhauf poetische Wörter wie "Blütenballenübelkeit" oder evokative Fügungen wie "Sommernacht mit Schneeträumen", zugleich aber - zumindest für uns Leser - eher triviale Aufzeichnungen wie "‚Kann ich dir helfen?‘" oder "faul und ehrgeizig". Wie sich von selbst versteht, bilden die Notizbücher den Fundus der Journale, die als Verdichtungen und Präzisierungen daraus hervorgehen.

"Die Zeit und die Räume" umfasst zudem die Findungs- und Entstehungsphase der Erzählung "Langsame Heimkehr" von 1979, dem ersten Teil der gleichnamigen Tetralogie, welche bekanntlich einen Wendepunkt im Werk Handkes markiert. Weiters liefert das Notizbuch mit den Aufzeichnungen einer Slowenien-Reise eine wesentliche Vorarbeit für den wundervollen Prosatext "Die Wiederholung" (1986), das vielleicht schönste Buch Handkes.

Doch was also soll man als regulärer Handke-Leser mit diesem Notizbuch anfangen? Durchaus reizvoll ist es, sehen zu können, wie sich Ideen aus dem Chaos der Notizen durch Zusammenballung und Verdichtung bis zum finalen Text herausbilden. Anders als dieser, darf und soll man das Notizbuch durchaus querlesen, gerne zwischendurch und unsystematisch darin stöbern und schmökern. Doch, seien wir ehrlich, mit Passion und über längere Zeit werden das wohl nur die eingefleischtesten Handke-Fans tun.

Blick aufs Original

Alle anderen sollen zum Ende des Buches blättern: Dort befinden sich faszinierende Reproduktionen aus dem originalen Notizbuch mit den Zeichnungen Handkes. Hier endlich wird der Schriftsteller ganz unmittelbar greifbar, nämlich in der Materialität seines Schreibens. Das Notizbuch wird "sichtbar" und begreifbar als kleines Gesamtkunstwerk aus Schrift und Zeichnung. Text und Zeichnungen umtanzen einander geradezu auf den dicht beschriebenen, aber dennoch leicht lesbaren Seiten des Notizbuches, wiederholt im Wechsel der Tintenfarben von Schwarz zu Blau zu Rot, um einen wahrhaft faszinierenden Einblick in die Schreibwerkstatt von Peter Handke zu geben.

Fast würde man sich wünschen, die Philologen mögen sich ihre ganze Arbeit ersparen, damit der Verlag die Notizbücher, die kleine literarische Schatzkästchen sind, einfach als Reproduktionen zugänglich macht.