Vor genau hundert Jahren, im Herbst 1922, ereilte den Prager Autor, Juristen und Versicherungsbeamten im krankheitsbedingten Ruhestand, Dr. Franz Kafka, ein Schreiben der Finanzverwaltung, er möge schriftlich Aufschluss über eine Kapitalerhöhung eines Unternehmens geben, an dem er angeblich beteiligt war. Dabei handelte es sich um die Firma "Prager Asbestwerke Hermann & Co.", die zu diesem Zeitpunkt längst im Eigentum der Firmen Semperit und Calmon standen.

Kafka konnte die Frage inhaltlich nicht beantworten, verfasste aber dennoch sicherheitshalber einen Brief, in dem er auf seine fortgeschrittene Tbc-Erkrankung und die Tatsache verwies, dass er längst nicht mehr Kommanditist und schon gar nicht Geschäftsführer der Firma sei, die nach dem Eigentümerwechsel eine neue Rechtsform (als GmbH) erhalten hatte. Da aber der Firmenname weiter nahezu unverändert im Prager Handelsregister, dem heutigen Unternehmensbuch, stand, wurde der zwischenzeitig in Berlin ansässige Autor mit einer Ordnungs- und Beugestrafe bedroht. Erst später klärte sich das "kafkaeske" Missverständnis auf.

Auf Druck der Familie

Mit großer Präzision und einem enzyklopädischen Wissen ausgestattet, berichtet der emeritierte Rechtsanwalt und Autor Ulrich Fischer über die gescheiterte Karriere des Unternehmers wider Willen. Bis 2020 war der in Frankfurt niedergelassene Rechtsanwalt als Arbeitsrechtsexperte aktiv, während der Covid-Pandemie wurde der damals bereits 75-Jährige, der schon über Hans Fallada und diverse "Unrechts-Anwälte" des NS-Regimes Interessantes publiziert hat, zum Autor der lesenswerten "Asbest"-Monografie.

Von Kollegen geachtet, von manchen auch gefürchtet, hat sich Ulrich Fischer einen Namen als Vertreter großer Belegschaften wie jener der Deutschen Bahn gemacht. Mit seinen Kenntnissen im Unternehmensrecht, im Arbeits- und Sozialrecht und seiner Formulierungsgabe, die in humorvollen Einschüben aufblitzt, ist Fischer der richtige Mann, um Licht in eine absurde Episode im Leben Kafkas zu bringen.

- © Wallstein
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Dass der schlaksige und sportliche Prager Autor von der Familie, das heißt seinem Vater und seinen beiden Schwägern Karl Hermann und "Pepa", gedrängt wurde, ins Asbestgeschäft einzusteigen, haben schon Biografien zutage gebracht. Vermutlich wurde Kafka mit dem Argument beruhigt, er müsse kein eigenes Kapital einsetzen und könne auf dem Ruhekissen väterlichen Geldes und einer mit der Einlage beschränkten Haftung weiterhin sorgenfrei seinem geliebten "Kritzeln" frönen.

Doch Kafka, ein hochsensibler und keineswegs naiver Mann, der aber weder die Juristerei liebte noch auf das große Geld aus war, ahnte, dass mit der neuen Aufgabe sein Sechs-Stunden-Arbeitstag in der Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen ad absurdum geführt werden sollte.

Sein Vater war seit jeher der Ansicht, dass sich der dauerhaft "ledige", zweimal ver- und entlobte und mindestens dreimal in schwierige bis aussichtslose Beziehungen verwickelte Problemfall Franz, dessen Texte er nicht verstand, zu wenig für das Fortkommen der Familie einsetzte, die ihn lange ernährt und sein Studium finanziert hatte. Nun sollte er zeigen, dass mit Asbest, dem nicht gerade als gesundheitsfördernd bekannten Werkstoff, der auch in den innerösterreichischen "Eternit-Platten" und in Stopfbüchsen für Eisenbahnen und Maschinen verwertet wurde, das große Geld zu verdienen war.

Fehl am Platz

Kafka aber saß, wenn er nach der eigentlichen, ohnehin verhassten Bürotätigkeit nach Žižkov pilgerte, mit übler Laune in einem Kobel, von dem aus er die Fabrikarbeiterinnen beobachtete, wenn er nicht gerade missmutig in der "Gummi-Zeitung" blätterte, wie er freimütig zugab. Er diente seine Zeit in der Fabrik ab, hinterließ dort aber keine Spur von ökonomisch orientierten Dispositionen, traf keine richtungsweisenden Entscheidungen und fing mit Chefetagen-Allüren ebenso wenig an wie mit dem üblichen Gemauschel Gleichgesinnter bei Unternehmertreffen, die in seinem Stammberuf als Vertreter eines Sozialversicherungsträgers eine Art Feindfront darstellten.

Mehr als einmal war Kafka in Zeitungen angegriffen worden, weil er sich als Vertreter der AUVA als hartnäckiger Verfechter der Unfallversicherungspflicht erwiesen hatte. Und nun sollte er die Seite wechseln und gerade das konterkarieren, was ihm als sozial gesinnten Menschen noch am ehesten ein Anliegen war?

Als Unternehmer war Kafka völlig ungeeignet, und um dies allen Freunden und Familienmitgliedern deutlich zu machen, hatte er vorsorglich eine Tätigkeit als Hilfsgärtner im Vorort Nusle angenommen. Lieber wühlte er in der Pflanzerde und vernahm aus Frauenmund, dass sich der Bruder der Gärtnerin und Sohn seines Chefs Dvorsky aus Melancholie das Leben genommen hatte. Das war der Stoff, den das Leben oder der Tod spannen, nicht das vergilbte Papier, das sich zu unheilverkündenden Stapeln in Form von Akten ansammelte. Für Kafka war sein mit durchaus verständigen Vorgesetzten und freundlichen Kolleginnen und Kollegen besetztes Büro die Vor-Hölle, wie sollte es anders sein im noch dazu von Schmutz und Staub befallenen eigenen "Unternehmen"?

Mächtige Konkurrenz

Die Arbeiterinnen sahen das alles gelassen, sie taten ihre Pflicht und bewahrten sich, wie der scharfsinnige Beobachter Kafka erkannte, dabei ihre weibliche Würde. Sie freuten sich auf den Betriebsschluss und ließen zur gegebenen Zeit von ihrer gefährlichen, ja krankheitsbringenden Tätigkeit ab, verließen tuschelnd den Arbeitsraum. Kafka, der zu einem autoritären Wort nicht imstande war, half dem einen oder anderen Fabrikmädchen in den Mantel, wie ein Galan am Opernball. Er war mit der Rolle als Chef schlichtweg überfordert.

Franz Kafka etwa zu der Zeit seiner Tätigkeit als Unternehmenschef (Bild des Ateliers Schlosser & Wenisch). 
- © Public domain / via Wikimedia Commons

Franz Kafka etwa zu der Zeit seiner Tätigkeit als Unternehmenschef (Bild des Ateliers Schlosser & Wenisch).

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Dass der ebenfalls beteiligte Bruder seines Schwagers Karl Hermann seine Verfügungen ab 1915 aus russischer Kriegsgefangenschaft geben musste, war eine Fußnote am Rande. Da die Kommunikationsmittel damals (wie heute) eine Unternehmensführung von Sibirien aus nicht ermöglichten, musste für den Hermann-Bruder ein Kurator bestellt werden. Weitere schlechte Auspizien waren die nicht am Markt orientierten Dispositionen Kafkas und, weit schlimmer, die Tatsache, dass sich in der k.u.k. Monarchie mächtige Kartelle gebildet hatten, so auch im Gummi- und Asbestsektor.

Dass Semperit und Calmon gemeinsam die kleinen Asbestwerke Hermann unschwer übernehmen konnten, ist kein Zufall. Gemeinsam mit Pirelli (und wohl auch Dunlop) zählten diese beiden Firmen zu den großen europäischen Reifenherstellern. Gummi und Asbest wurden aus Effizienzgründen meist von denselben Fabriken produziert und verarbeitet. Konkurrenz, die womöglich mit Dumpingangeboten an große Auftraggeber herantrat, wurde als Störfaktor eines lukrativen Geschäfts auch und gerade im Weltkrieg verstanden, als Reifen Mangelware und feuerfestes Material Goldes wert waren.

Weitere Facetten

Deshalb hatten die zwei Direktoren Markus und Goldscheid, die in Wien saßen, noch während des Ersten Weltkriegs das liquidierte Unternehmen der Brüder Hermann erworben, um mit den Lagerbeständen und den vorhandenen Fabrikeinrichtungen die gefährlichen Fasern professioneller als Kafka und Hermann weiter zu produzieren. Den notariellen Teil wickelte der in Wien niedergelassene Julius Bermann ab, selbst dieses Detail hat Ulrich Fischer in zäher Archivforschung zutage gebracht. Noch heute gibt es in Wien Notare, die in ehemaligen Fabriksvierteln in winkeligen Dachgeschoßen amtieren, ganz wie im "Process".

Dieses Ambiente wirkt sich naturgemäß auf die Stimmung der Betroffenen negativ aus, und so hatte auch Kafka kaum eine freudvolle Minute in seinem zweiten "Bureau". Ulrich Fischer fängt diese trübe Stimmung mit großer Einfühlungsgabe ein, und er wird nicht müde, dem Leser die Rechtslage verständlich zu machen.

Fazit: Kafka ist noch lange nicht "ausbiografiert", manche Facetten seiner Berufstätigkeit harren noch der Aufarbeitung. Ulrich Fischer hat eine dieser dunklen Regionen kundig ausgeleuchtet. Um die Welt, in der Kafkas beängstigende Prosa spielt, besser zu verstehen, sind Forschungen dieser Art allemal hilfreich. Die abgebildeten, düsteren Gebäude der Asbestfabriken, seien sie in Wien, seien sie in Prag, sprechen eine eigene, bedrückende Sprache. Von Unfallverhütung oder Arbeitnehmerinnenschutz war nicht die Rede.

Ulrich Fischer ist ein großer Wurf gelungen, auch wenn sich der Leser manchmal konzentrieren muss, um die genauen Zusammenhänge und die juristischen Fachausdrücke voll zu verstehen.