Ein zentrales Motiv in Lydia Mischkulnigs jüngstem Erzählband "Die Gemochten" ist der menschliche Körper: von der erotischen Projektion, wie sie in der titelgebenden Geschichte dargestellt ist, über das Surrogat des Körpers in Form des Robbenroboters PARO im fast als Reportage zu wertenden "Uncanny Valley" bis zur Deformation im Text "Am Ufer des Nahrungsstroms".

Verbindend ist ferner die Literatur. Ingeborg Bachmanns "Drei Wege zum See" mit der Protagonisten Elisabeth Matrei etwa wird gekonnt in "Das wahrhaftige Drehbuch" paraphrasiert. In "Nora schreibt" berichtet die Erzählstimme reduziert, fast teilnahmslos über die Trennung des Körpers von seiner Umgebung. Schließlich gipfelt der intertextuelle Reigen in der finalen Erzählung: Mischkulnig lässt Kafkas Rotpeter aus dem "Bericht für eine Akademie" diesmal ans Pult treten, um den Lebensberatern die kulturellen Leviten zu lesen.

- © Leykam
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Die aus Kärnten stammende Autorin betreibt die intertextuelle Referenz so weit, dass sie in ihrem Erzählband eine vielsagende Wiederholung einbaut. "Die quantenphysikalische Behauptung, dass der Beobachter bereits das zu Beobachtende so verändert durch seine Beobachtung, dass er nie wissen wird, was das Beobachtete ist", findet sich sowohl auf Seite 42 als auch auf Seite 164. Dann zwingt einen der Text durch die Anmerkung "ich habe ihn (den Satz, Anm.) schon einmal gelesen und nun für mich kopiert", die Erzählung als Teil einer Wirklichkeit zu betrachten, die sich auf eine Fiktion bezieht.

Diese Einladung zum philosophischen Kunststück macht das Lesen zum Genuss. Die Form der Erzählung bietet die Chance für essayistisch gerahmte Szenen. So dienen diese Geschichten als Material, um Fragen zu stellen, um brennende gesellschaftliche Anliegen sichtbarer zu machen.

Ob es um das Verhältnis der Geschlechter geht, wie etwa in der Erzählung "Die Parzelle", die einen Bogen spannt von Menstruationsfragen bis zur Epoche der Hexenverfolgung im 16. Jahrhundert, oder um die Abgründe des Ichs in einer neoliberal überfordernden Selbstoptimierungsära wie in "Outing": Oft sticht die Autorin in die Glutnester, die für ein dauerndes Glosen unter der Oberfläche mühsam zur Schau gestellter Selbstzufriedenheit sorgen.

Mischkulnigs Personal ist zweifelsfrei prädestiniert fürs Unglück. Es liegt auch an der Gabe zur Wahrnehmung. Denn diese erst nährt die Ambivalenzen. Selbst wenn wir bei Mischkulnig bereits wissen, dass in jeder Paradiesmaschine eine Neurosenkuss-Maschine steckt, dann betrachten wir die prometheische Scham - um es mit Günther Anders zu sagen - gelassener und können bei unserem Untergang als antiquierte Spezies wenigstens lachen.