Am 11. März 1938 sitzt Hertha Pauli wie so oft im Café Herrenhof. Neben ihr der deutsche Schriftsteller Walter Mehring und der junge Student Karl Frucht, mit dem sie eine literarische Agentur führt. Ein paar Tische weiter: Arthur Seyß-Inquart, der plötzlich ans Telefon gerufen wird. "Berlin am Apparat!" Dann sind es nur noch wenige Stunden, und das unabhängige Österreich ist Geschichte.

Für Hertha Pauli und ihre beiden Freunde ist es somit Zeit, die Koffer zu packen. Am Abend des 12. März kommen noch Franz Theodor Csokor und Ödön von Horváth zu Besuch. "San s’ net tierisch?", fragt Horváth immer wieder. Er meint die Nazis, die die Straße erobert haben, oder vielmehr die "Bestialität des Wiener Kleinbürgers", wie er selbst sie eindringlich in seinen Stücken dargestellt hat.

Roth und Horváth

So fängt Hertha Paulis Fluchtgeschichte an, die sie dreißig Jahre später zu Papier bringt, und was sofort überrascht: Sie schildert nicht aus einer Perspektive, die Jahrzehnte zurückblickt, sondern so, als hätte sie das alles erst gestern erlebt und aufgeschrieben. So nah und dicht an den Ereignissen, so authentisch ist dieses Erinnerungsbuch, Erzählung und Zeitdokument in einem.

Pauli ist eine der ganz wenigen Frauen, die sich in die Emigrantenliteratur einschrieben. Mit ihrer Zeitzeugenschaft hat sie nie renommiert, obwohl sich ihre Memoiren als das Who’s who der deutschen Emigrantenszene lesen: Franz Werfel, Carl Zuckmayer, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, vor allem aber Joseph Roth und Ödön von Horváth. Dessen letzte Lebenstage in Paris erlebte sie aus allernächster Nähe. Sie war es auch, die den Toten in der Prosektur identifizieren musste.

- © Zsolnay
© Zsolnay

Dass sie und Horváth einmal ein Liebespaar waren, erfährt man nur nebenbei. Hertha Pauli macht keine große Geschichte daraus, umso genauer schildert sie die paar Tage, in denen sich ihre Wege ein letztes Mal kreuzen. Horváth war eben aus Amsterdam angereist, wo ihm eine Wahrsagerin aus der Hand gelesen hatte, die letzten Maitage in Paris würden "für sein Leben entscheidend sein". Er war auf Durchreise, auf dem Weg in die USA, und hatte gerade mit einem neuen Roman begonnen: "Adieu, Europa" sollte der Titel lauten. "Ich weiß noch nicht, ob es ein Lustspiel wird oder ein Trauerspiel", heißt es darin. Es blieb nur beim Anfang, bei einer ersten Seite.

In Paris erlebt sie auch den Niedergang Joseph Roths mit. Nach seinem Tod im Jahr darauf schreibt sie: "Es ist sehr still auf der Welt." Roth ist nicht der Einzige, der an der Emigration zugrunde geht. Später kommt die Nachricht vom Selbstmord Walter Hasenclevers und auch Ernst Weiss zieht es vor, seinem Leben besser selbst ein Ende zu setzten, als in die Hände der Gestapo zu fallen.

Diesen Gedanken hat irgendwann auch Hertha Pauli, als sie gerade in Bayonne ist; sie bekommt nur kein Gift in der Apotheke. Eigentlich wollte sie auf ein englisches Militärschiff, aber das nahm nur britische Soldaten an Bord. Kurz darauf hört sie in einer Hafenkneipe, dass das Schiff auf eine Mine gelaufen sei.

So schicksalsmächtig diese Geschichte ist, die Autorin beschreibt sie ohne große Dramatik. Das macht ihr Buch so wahrhaftig und literarisch bedeutsam, auch dass sie sich selbst dabei zurücknimmt, obwohl sie genug von sich und ihrer Familie zu erzählen hätte. Vielmehr richtet sie den Blick auf andere, setzt auf das gemeinsame "Wir" und erzählt Begebenheiten, die heute Literaturgeschichte sind: Etwa wenn sie und Mehring in Lourdes auf "die Werfels" treffen und Zeugen werden, wie Franz Werfel seiner Alma zuliebe das Gelübde ablegt, im Falle ihrer Rettung einen Roman über die heilige Bernadette zu schreiben.

Posthume Heimkehr

Am Ende schafft es auch Hertha Pauli nach Amerika - hinter ihr "versank Europa im Meer, blutig rot, ein Fiebertraum ...". Von Neuem begann sie ihre Schriftstellerkarriere; ihre Bücher schrieb sie nun überwiegend auf Englisch, ihre Erinnerungen allerdings auf Deutsch. Als "Der Riss der Zeit geht durch mein Herz" 1970 bei Zsolnay erschien, war sie in Österreich längst vergessen.

Verbitterung ist bei ihr dennoch nicht herauszulesen; ein bemerkenswerter Humanismus und große Bildungstradition sprechen aus dem Text. Menschen wie sie - oder ihr Bruder, der Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli - markieren jene Verluste, von denen sich die "Kulturnation" Österreich nie mehr erholt hat.

Zurückgebeten wurde auch Hertha Pauli nicht: 1973 kehrte sie zumindest als Asche heim. Ihre Urne ist auf dem Döblinger Friedhof im Grab ihrer Mutter bestattet. Dort ist auch ihr Lebensfreund und Fluchtbegleiter Karl Frucht beerdigt.