Als Ingeborg Bachmann und Max Frisch längst kein Paar mehr waren, tauchte urplötzlich die Frage der Ehe noch einmal auf. Zwei Lexika aus dem Duden-Verlag konstatierten nämlich ganz nüchtern, die beiden seien miteinander verheiratet. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld - Frisch war schon lange sein Autor, die Bachmann sollte es mit "Malina" 1971 werden - schrieb sogleich erbost an die Redaktion und verlangte ultimativ eine Revision dieser Angabe: "Ingeborg Bachmann und Max Frisch waren nicht noch sind sie miteinander verheiratet."

Glaubt man Ingeborg Bachmann, so war das Verheiratetsein "unmöglich für eine Frau, die arbeitet und die denkt und selber etwas will". Damit war sie ihrer Zeit weit voraus, stand aber auch fortwährend im Konflikt mit den Konventionen, die Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre noch galten. Mit Frisch kam sie der Ehe immerhin am nächsten. Er hatte ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht, den sie nicht so recht annehmen wollte, aber auch nicht rundheraus zurückwies. Heiraten, das war für sie eine "Formalität", die nichts mit dem Ja zum Geliebten zu tun hatte.

Zwei mit Glamour

Mitunter aber schien sie der ehelichen Bindung nicht ganz abgeneigt zu sein. "Wir werden einem Ovomaltineleben entgegengehen und von Gesundheit und Normalität nur so strotzen", schrieb sie im Dezember 1960, zu einer Zeit, in der die Beziehung zwischen den beiden ausnahmsweise recht störungsfrei verlief.

Am 3. Juli 1958 hatte die "Paarschaft" (ein schöner Ausdruck von Frisch) begonnen, natürlich in Paris und nur ein paar Tage, nachdem sich die Bachmann endgültig von ihrer großen Liebe Paul Celan getrennt hatte. Doch von Anfang schwingt der Zweifel mit, ob diese Beziehung wirklich "lebbar" sei. Schon am 6. Juli schreibt Frisch: "Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein." Und auch sie ahnt schon das Unheil: "Du darfst ja auch nicht glauben, dass ich, als ich einen Augenblick lang hoffen durfte, mit Dir leben zu können, gemeint habe, dass das notwendigerweise ein wunderbares Leben für mich wäre."

Max Frisch im Jahr 1955 - drei Jahre später begann die "Paarschaft" mit Ingeborg Bachmann. 
- © ETH-Bibliothek / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Max Frisch im Jahr 1955 - drei Jahre später begann die "Paarschaft" mit Ingeborg Bachmann.

- © ETH-Bibliothek / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Trotzdem versuchen die beiden es miteinander, er 15 Jahre älter als sie, aber beide auf ihre Art höchst erfolgreich: er mit vielgespielten Dramen und den unerhört modernen Romanen "Stiller" und "Homo Faber", sie mit unerhört kunstvollen, rätselhaften Gedichten, die es sogar auf die Bestsellerlisten schaffen.

Die beiden hätten in der Tat so etwas wie das Glamour-Paar der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur werden können. Sie galt vielen als die First Lady der Gruppe 47, bei der sie erstmals 1952 las und deren Preis sie ein Jahr später zugesprochen bekam, und 1954 (sie war da gerade einmal 28!) erschien sie tatsächlich auf der Titelseite des Magazins "Der Spiegel" - ein frühes literarisches Fräuleinwunder sozusagen.

Er erhielt 1958 den Büchner-Preis und strahlte mit seinen literarischen Texten eine Weltläufigkeit aus, die unglaublich frisch wirkte im Vergleich zum eher provinziellen Mief der deutschen Literaten. Er liebte schnelle Autos, sie war alles andere als kamerascheu (auch wenn sie auf Fotos gern die Schüchterne mimte), und beide fühlten sich in Rom, Paris oder New York eher zu Hause als in Zürich, Berlin oder Wien. "Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen", konstatierte Frisch nach der Trennung und fügte hinzu: "leider".

Dass wir diesen Beziehungskampf (nichts anderes war es) jetzt dank des großartig edierten Briefwechsels in seiner vollen Intensität verfolgen dürfen, ist ein Glücksfall - auch wenn einem die Lektüre dieser "Ausrufe unvollziehbarer Liebeszärtlichkeit" wirklich nahegeht. Streng genommen dürfte es dieses Buch gar nicht geben. Denn nach der Trennung forderte die Bachmann all ihre Briefe zurück und bat Frisch, alles ihre Beziehung Betreffende zu verbrennen, "damit niemand ein Schauspiel hat eines Tages, denn wir wissen ja nicht, wie lange wir im Besitz von Dingen bleiben, die Dich und mich allein etwas angehen". Frisch verweigerte sich zum Glück dieser Rückgabeforderung, während sie seine Briefe offenbar tatsächlich vernichtet hat. Seine Korrespondenz hat sich nur deshalb in Teilen erhalten, weil Frisch von vielen seiner Schreiben Durchschläge bei sich behielt.

Sehr offene Beziehung

Trotzdem hat das ein gewisses Ungleichgewicht zur Folge: 172 Briefe stammen von ihr, 88 von ihm. Hinzu kommen noch einige Schreiben an Freunde und Verwandte (vor allem aus der Zeit nach der Trennung), die vor allem für die "Frisch-Seite" dieses Briefwechsels von Bedeutung sind. Die erhaltene Korrespondenz erstreckt sich über 15 Jahre, von Mai 1958 bis April 1973, wobei den Schwerpunkt die Jahre der Beziehung von 1958 bis 1963 bilden.

In diesen fünf Jahren lebten die beiden nur rund zwei Jahre kontinuierlich zusammen - meist waren sie auf Reisen oder arbeiteten an getrennten Wohnorten (Rom und Uetikon am Zürichsee). Sprich: Die Intensität dieser Korrespondenz erwächst gerade aus der Tatsache, dass die beiden eben nicht sehr eng zusammenlebten.

- © Suhrkamp/Piper
© Suhrkamp/Piper

"Die junge Frau und der alte Mann": Was so simpel klingt, war in der Tat kein Ovomaltineleben, sondern von Anfang an eine ungeheuer emotionale Achterbahnfahrt und schon gar keine monogame Angelegenheit. Als sie einander kennenlernten, war Frisch noch liiert (und noch nicht einmal von seiner ersten Frau geschieden). Als er 1959 im Spital lag und sehr ernsthaft die Trennung erwog, fuhr Bachmann zusammen mit Hans Magnus Enzensberger im Auto nach Italien - und fing prompt eine Affäre mit ihm an.

Und als Frisch im September 1962 eine Beziehung mit der 28(!) Jahre jüngeren Marianne Oellers beginnt, will Ingeborg Bachmann das zunächst gar nicht ernst nehmen und sogar am gemeinsamen Glück teilhaben. "Ach Ingeborg! Man umarmt sich nicht zu Dritt", schreibt er ihr daraufhin, und als nunmehr sie im Krankenhaus liegt (wo ihr die Gebärmutter entfernt wird), bestellt sie Rosensträuße, um Max glauben zu machen, sie habe einen Verehrer.

Beide glaubten, eine offene Beziehung führen zu können - es gab sogar einen dahingehenden "Venedig-Vertrag" zwischen ihnen, der besagte: sexuelle Abenteuer jederzeit, solange daraus keine Liebe wird -, und mussten einsehen, dass das nicht funktionierte. Frisch ahnte angesichts von Ingeborgs Affären wohl, dass es "ein Zusammenleben auf Abruf" war. Umso erstaunlicher ist, dass sie es war, die überhaupt nicht damit umgehen konnte, als er gegen den "Vertrag" verstieß.

Als nach quälenden Monaten klar wird, dass es diesmal endgültig zur Trennung kommen wird, ist das für Bachmann tatsächlich ein "Trauma" - und zusammen mit der Uterus-Entfernung (die sie später als Abtreibung literarisiert) sowie dem langjährigen Tablettenmissbrauch der Grund für die tiefe psychische Dauerkrise. Aus dieser Verzweiflung heraus beginnt sie sich zum Opfer zu stilisieren. Sie habe Frisch all die Jahre "wirklich und ganz und gar geliebt", während er nie ein "wirkliches Gefühl" für sie gehabt habe. "Es war Mord", lautet der Schlusssatz ihres Romans "Malina", und als die Bachmann 1991, fast 20 Jahre nach ihrem Tod, noch einmal ein Cover zierte - diesmal das der Zeitschrift "Emma" -, stand dort der gleiche Satz.

Ingeborg Bachmann als Opfer dominanter Männer, die sie emotional missbraucht und literarisch ausgebeutet haben: Das wurde zur Standardformel der Bachmann-Philologie, und der Ur-Bösewicht war dabei meist Max Frisch. Er habe sie in den Zusammenbruch getrieben, er, der gefühlskalte Egomane, habe sie in "Mein Name sei Gantenbein" in Gestalt der Lila rücksichtslos bloßgestellt, ja, er sei ihm Grunde schuld an ihrem Feuertod 1973 in Rom. Max Frisch, der Bachmann-Mörder. Hier das "tief verletzte Menschenkind", wie Bachmanns Vater an Frisch schrieb, dort das "Schwein" (so Hans Werner Henze über Frisch).

All das ist nach Lektüre dieser Briefe nicht mehr haltbar. An Bachmanns Vater schreibt Frisch 1965: "Es mindert meine Fehler nicht, wenn ich Sie behutsam aufscheuche aus Ihrem väterlichen Glauben, dass es immer nur Ingeborg sei, die in dieser Welt verletzt und gedemütigt und verraten wird. (...) Das Versagen, dessen Folgen nicht nur Ingeborg schleppt, ist ein gemeinsames, und man kann einander die Reue nicht abnehmen."

- © Zsolnay
© Zsolnay

Nach der Trennung jedenfalls wurde die Sache von Seiten Bachmanns immer hässlicher: Sie verbreitete bösartige Unterstellungen und Lügen, gegen die sich Frisch fast schon verzweifelt zur Wehr setzen musste. Aus der Liebenden war eine Hassende geworden, und welch unselige Rolle dabei ein Psychotherapeut mit seiner "Grenzsituationstherapie" und ein Ärztepaar aus St. Moritz spielten, wäre dringend noch genauer aufzuarbeiten.

Die Briefeschreiberin Bachmann "gleicht einem Chamäleon", heißt es im Begleitbuch zur Bachmann-Ausstellung des Literaturmuseums in Wien. Im Falle der Korrespondenz mit Frisch reicht das Spektrum von "Mein Bär" und "Liebstes Herz" bis zu Sätzen, die, so Frischs empört-resignative Klage, "mit stilistischem Bewusstsein so abgefasst" sind, "wie man an eine Transportfirma schreibt". Ja, Ingeborg Bachmann war in dieser Beziehung die intensiver, unbedingter Liebende, und ihre innigsten Schreiben heben die Gattung "Liebesbrief" durchaus auf eine neue Ebene.

Paradox und unheilbar

Frisch war nüchterner, weniger emotional, aber darum nicht weniger verletzlich, und gerade seine letzten Briefe, etwa an den Vater oder an Freunde von Ingeborg, zeugen davon, dass auch für ihn das Scheitern dieser Liebe eine "unheilbare Verwundung" war. Es ehrt ihn, dass er angesichts der empörend ungerechten Behandlung, die ihm am Ende widerfuhr, nie auch nur ansatzweise daran gedacht hat, eine Schlammschlacht anzuzetteln. Das Paradoxon dieser so anstrengenden wie bewegenden Liebesbeziehung hat Frisch Ende 1962 so auf den Punkt gebracht: "Es wäre nicht gut, wenn wir jetzt zusammen wären, und es ist nicht gut, wenn wir jetzt allein sind."

Diese wirklich ergreifende Korrespondenz beginnt und endet, wie sollte es anders sein, mit Literatur. Am Anfang stehen vier Gedichte von Ingeborg Bachmann, die - sie ist kurz zuvor 32 Jahre alt geworden - erstaunlich viel vom Tod und von der "letzten Stunde" sprechen. Und am Ende, im April 1972, eineinhalb Jahre vor ihrem Tod, schickt sie dem "lieben Max Frisch" für eine US-Zeitschrift fünf ihrer besten Gedichte, darunter "Böhmen liegt am Meer". Darin heißt es:

"Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen. // Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder. / Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf. / Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren."