Dystopien sind schon etwas langweilig geworden. Inzwischen gibt es ja genügend in Film, Buch und Streaming, und wer mehr Untergangsszenarien möchte, muss bloß die Nachrichten verfolgen. Da ist es eine schöne Abwechslung, dass ein Buch wiederaufgelegt wurde, das vor fast einem halben Jahrhundert optimistisch auf die nicht allzu ferne Zukunft blickte. Und uns, die wir diese Zukunft bereits überholt haben, dazu mahnt, wie gut die Dinge laufen könnten, hätte sich die Menschheit beizeiten etwas mehr bemüht.

Irgendwann, als die USA noch dem schrankenlosen Wirtschaftswachstum huldigten, hat sich ein Gebiet im Nordwesten abgespalten und unter dem Namen "Ökotopia" gegenüber dem großen Nachbarn abgeschottet. Nach zwanzig Jahren zwischenstaatlicher Eiszeit - die Jahrtausendwende dürfte nicht mehr fern sein - reist erstmals ein US-Journalist in das Gebiet zwischen San Francisco und Seattle, und der Kulturschock lauert gleich hinter der Grenze.

Sehr entspannt

Highways, Supermärkte, Tankstellen und Autos mit Verbrennungsmotoren sind verschwunden, zwischen den Städten pendeln Magnetschwebebahnen, und in den Straßen von San Francisco verkehren Elektrobusse, die man ebenso gratis benützen kann wie Leihfahrräder. Bäume beschatten die Boulevards und Plätze, über die kühle Bäche fließen. Die 20 Arbeitsstunden pro Woche verschwimmen mit der Freizeit, bei Tag wie Nacht muss niemand ein Verbrechen fürchten, es gilt das metrische System und am meisten verblüfft den Reporter aus New York, dass die Mülltrennung von allen strikt eingehalten wird. Das Paradies der Öko-Bobos, hier ist es verwirklicht.

- © Reclam
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Die Ökotopianer kleiden sich in verwegenes Patchwork aus Naturfasern, sind sportlich, kerngesund, kümmern sich umeinander und pflegen "ein so entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper wie Tiere", wozu auch ein entspanntes Sexualleben gehört. Wie überhaupt der Umgang miteinander meist sehr entspannt abläuft; das liegt auch daran, dass Marihuana nicht nur legal ist, sondern hochwertiges Saatgut für den Eigenanbau verteilt wird - vom Staat, versteht sich.

Sieben Wochen lang kommt William Weston, der Vertreter der westlichen Lebensart (der er am Ende entsagt), aus dem Staunen kaum heraus - und wir staunen, wie nah uns diese Utopie erscheint. Überraschend viele ihrer Ideen haben es aus der Hippie-Kommune in Strategiepapiere, Parteiprogramme oder geltende Gesetze geschafft. Völlige Gleichberechtigung der Geschlechter, sorgsamer Umgang mit natürlichen Ressourcen, Reparatur und Recycling, allgemeine Krankenversicherung, bedingungsloses Grundeinkommen, Bio-Landwirtschaft, Energie nur aus erneuerbaren Quellen: Die Transformation des American Way of Life gelang in Ökotopia binnen zweier Jahrzehnte - während es mit dem Rest der USA steil bergab ging.

Fleisch wird aber weiterhin gegessen. Und es fehlen, aus heutiger Sicht, die Computer; aber von PCs oder gar Smartphones konnte Ernest Callenbach noch nichts wissen, als er 1975 das Buch schrieb. Wobei die Ökotopianer bereits über avancierte Bildtelefonie verfügen, über die sie auch Videokonferenzen abhalten.

Man tut gut daran, das Buch nicht so sehr als Roman zu lesen. Die Charaktere bleiben flach, die Handlung wirkt sehr konstruiert und dient nur dazu, ein ökosoziales Wunderland herzuzeigen. Das reizt natürlich, nach dessen Schattenseiten zu suchen. Aber gibt es die überhaupt? Die Idee, dass Weiße und Schwarze zusammenleben können, hat man vorsorglich aufgegeben: Die Afroamerikaner leben in freiwilliger Apartheid, und der Besucher aus den USA sorgt sich, dass nach diesem Vorbild auch sein Land in einen Fleckenteppich von Mini-Nationen zerfallen könnte; heute erscheint dies gar nicht mehr so abwegig. Oder sind es die "rituellen Kriegsspiele", in denen sich junge Männer mit primitiven Waffen bekämpfen, bis einer blutet - wild, barbarisch, aber auch ein kluges Ventil, um sich auszutoben und echte Kämpfe zu verhindern?

Utopien haben immer auch eine totalitäre Seite: Niemand darf abseits stehen, und die persönliche Freiheit liegt im Wesentlichen nur darin, die wohlgefügte Ordnung des Paradieses zu akzeptieren. Zwar wird in Ökotopia auch leidenschaftlich gestritten, aber nie um Grundsätzliches; und letztlich rauft man sich immer zusammen. Es gibt zwar Parteien, aber keine echte Opposition. Die Republik wird von der Präsidentin wie eine große Familie geführt, und im Alltag regiert der gute Wille der Bewohner, die mit laxer Arbeitsethik, aber doch meistens freiwillig tun, was richtig ist und allen nützt.

Neue Menschen

Das alles erinnert nicht zufällig an die frühe Sowjetunion mit ihren angeblich so selbstlosen, enthusiastischen "neuen" Menschen. Auch in Ökotopia konnte die neue Gesellschaft erst durch einen harten Bruch mit dem alten (Wirtschafts-)System entstehen, samt Verstaatlichungen, Preiskontrollen und strengen Gesetzen - bis schließlich nur mehr jene im Land geblieben sind, die sich mit der neuen Lebensweise ganz und gar identifizieren wollten.

Ein besseres, nachhaltiges und glückliches Leben im Einklang mit der Natur und den Mitmenschen ist machbar: Das sagt uns dieses Buch auf jeder Seite. Aber es zeigt auch, vielleicht unbeabsichtigt: Das Paradies ist nur dann möglich, wenn alle verschwinden, die anderer Meinung sind.