Vor mehreren Jahren hat eine Elektrohandelskette in ihrer Werbung den Weihnachtshasen eingeführt. Der fällt einem spontan ein, wenn man Martin Baltscheits neues Buch aufschlägt und liest: "Wenn Gott ein Kaninchen wäre, würden wir an Ostern Weihnachten feiern, und anstelle von gebratener Gans gibt es kalten Möhrensalat." Baltscheit spinnt das Ganze noch weiter: Die Engel hätten dann lange Ohren, und der Teufel sähe aus wie ein Fuchs. Aber warum sollte Gott überhaupt ein Kaninchen sein? Weil er es kann. Denn für und bei Gott ist nichts unmöglich. Also warum dann nicht auch ein Kaninchen?

. . . und wenn Gott ein Kuchen wäre? 
- © Aus: Martin Baltscheit & Susanne Straßer: "Wenn Gott ein Kaninchen wäre . . ." (Herder 2022)

. . . und wenn Gott ein Kuchen wäre?

- © Aus: Martin Baltscheit & Susanne Straßer: "Wenn Gott ein Kaninchen wäre . . ." (Herder 2022)

Oder vielleicht doch ein Fisch? Oder ein Gewitter? Ein Regenbogen? Ein Kuchen gar? Baltscheit dekliniert alle möglichen Möglichkeiten durch, was Gott alles sein könnte, und Susanne Straßer fasst diese Erkenntnisse in wilden Bildern zusammen. Und egal, welche Variante sie durchspielen, eines ist immer gleich: Es wäre alles anders. Bevor sich der Erwachsene (Mit-)Leser denkt, was das Ganze überhaupt soll, kommt Baltscheit schon zum entscheidenden Punkt. Nämlich: "Vielleicht bin ICH ein Gott. Vielleicht ist JEDER Gott?" Womit er beim geflügelten Wort gelandet wäre, dass man Gott in jedem seiner Mitmenschen sehen soll. So wie das Kind, das auf dieser Seite beim Fenster hinausschaut auf die bunte Welt und ihre Bewohner. Um im nächsten Augenblick festzustellen, dass es lieber gar kein Gott sein möchte - sondern ein Kaninchen.

Womit Baltscheit einmal mehr seinen zarten, feinsinnigen Humor beweist, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Man muss unweigerlich schmunzeln über seine philosophisch-poetischen Texte - und über die Art und Weise, wie Straßer sie in Bilder gefasst hat. Und vielleicht sind es nicht bloß kindlich-naive Gedankenspielereien, sondern es steckt ein tiefer Sinn dahinter. Vielleicht lotet Baltscheit hier auf seine Weise die Grenzen dessen aus, woran wir glauben. Vielleicht ist es auch einfach eine Mahnung an alle, die sich weiß Gott was darauf einbilden, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen haben soll. Denn, so ehrlich müssen wir schon sein: So, wie wir uns auf der Erde aufführen, können wir höchstens eine schlechte Kopie sein . . .