Landschaften voller kleiner Risse und winziger Schluchten sind die Gesichter in Franz Suess’ gut 380 Seiten starkem Comic "Diebe und Laien". Schmutzig-weiße Wände dagegen verwandeln sich in erweiterte Gesichtslandschaften. Der Episodenroman führt die Leserinnen und Leser in randständige soziale Zwischenräume, doch der Weg dahin ist ein bunter Reigen gemäldeartiger Bilder, geradezu überbordend in ihrer farblichen Intensität.

Angefangen hatte der gebürtige Linzer, Jahrgang 1961, mit der Illustration von Kinderbüchern. Seit einem Jahrzehnt macht der Zeichner vornehmlich Comics, die zunächst im Eigenverlag Glaskrähe erschienen sind: Neben "1160, Ottakring" (2011), "Zu Fallen und Weiter" (2013) und "Isopoda" (2016) hat Suess eine Reihe kleinerer Comicerzählungen selbst verlegt. 2017 brachte ihm die Auszeichnung mit dem Romulus-Candea-Preis für das Kinderbuch "Letzte Nacht" (gemeinsam mit der Autorin Elisabeth Führlinger) die Veröffentlichung des Bandes im Wiener Luftschacht Verlag ein, der infolge auch seinen Comic "Paul Zwei" (2019) herausbrachte.

Hinterhof-Romantik

Waren seine bisherigen grafischen Romane in Schwarzweiß gehalten, so ist der nun im Berliner Comicverlag avant herausgekommene Band "Diebe und Laien" durchgehend in Farbe.

Heruntergekommene Viertel, Häuser, Wohnungen bilden seit "1160, Ottakring" einen soziologischen Hintergrund in den Bilderromanen des im gleichen Wiener Grätzl beheimateten Zeichners. Halb belichtete Stiegenhäuser, dunkle Kellerzugänge, Hinterhöfe mit Müllcontainern und Substandardwohnungen mit Klo am Gang, die den Parteienverkehr im Stiegenhaus anregen, schaffen auch in "Diebe und Laien" eine eigentümliche Atmosphäre. "Der neue Hausbesitzer ist ein Spekulant und hat alle Mieter hinausgeekelt / außer mich und die beiden im fünften Stock!" Astrid zeigt einem Beamten ihre Wohnung, in die soeben eingebrochen wurde. Nachdem der polizeiliche Ermittlungseifer sich nur leidlich zu entfalten scheint, wird die junge Frau selbst tätig, um den Laptop mit ihrer unfertigen Diplomarbeit vielleicht doch noch zurückzubekommen.

Ein Verdächtiger ist gleich zur Hand. Obwohl ihr Ex-Freund Yussif sie davon abzuhalten versucht, lauert Astrid dem Briefträger auf, um schließlich in seine Wohnung einzudringen, was einem Einbruch nicht sehr unähnlich ist. Derartige Spiegelungen und Umkehrungen von Ausgangslagen ziehen sich durch den Band.

Auf der Suche nach dem verlorenen Laptop verliert sich die Protagonistin -und mit ihr der Leser - im Leben eines anderen. Der Briefträger Weiner wohnt allein, getrennt von seiner Frau. Sein Sohn, kaum halbwüchsig, doch bereits mit einer vollen Portion Unverschämtheit ausgestattet, besucht ihn Wochenends, hauptsächlich um endlich das Handy zu bekommen, das gerade hip ist. Weiner jedoch leistet sich nur ein bescheidenes Leben. Sein unterbestücktes Selbstbewusstsein, von Körperscham angetrieben, erschwert ihm zudem einen entspannten Kontakt zu seinen Liebhabern, die seine Schwäche schamlos auszunutzen verstehen. Die greisenhaften Zwillinge Erna und Milli wiederum - die beiden aus dem fünften Stock - geben zwei Keppelweiber wie aus dem Buche. Dass ihnen eine schwarze Heimhilfe zugewiesen wird, lässt den Thesaurus ihrer Vorurteilsbilder zur Hochform auflaufen.

Suess‘ Vorliebe für schräge Gestalten voller Vorurteile, Missgunst und Boshaftigkeit, die nicht zuletzt an eine Wiener Gemütsart erinnern, ist allerdings durchkreuzt von Ambivalenzen und Kontrasten, von Brüchen und Widersprüchen, die sich auf den unterschiedlichen Ebenen des Mediums offenbaren und in Erzählsprüngen fortsetzen. Das Glatte widerstrebt dem Autor. Wie im Leben der Figuren nichts glatt zu verlaufen scheint, herrscht auch im Spiegel der Kunst das Brüchige vor. Oft ergibt sich die Skurrilität aus den Vorurteilen und Verdächtigungen einzelner Protagonisten. Im Ernstfall verdächtigt jeder jeden und dieser wieder wen anderen. Am Ende stellt sich der Verdacht als Irrtum heraus. Doch zugleich ist niemand unschuldig.

Mit ihren Sprachhülsen erinnern die Figuren an Elias Canettis "akustische Masken", jene wiederkehrenden Phrasen und sprachlichen Fetzen, die einen Charakter zur Karikatur geraten lassen. Die sprachlichen Karikaturen haben ihre Entsprechung in den grafischen Überzeichnungen: Dem Unförmigen und Ungelenken, den expressionistischen Verzerrungen und Verrenkungen. Doch daraus entspringt auch ein gerüttelt Maß an Witz und Humor, und nicht allein, weil sich Gemeinheit und Grant aus der Distanz in lächerliche Fisimatenten verwandeln. Das prekäre Leben lässt alle - - nicht nur in ihren diebischen Versuchen - laienhaft erscheinen und gerade dadurch auch menschlich.

Mit ironischer Geste

Bemerkenswert ist, wie Suess die Bilder erzählen lässt und dafür eine eigene Sprache entwickelt. Die Linien und Striche sind gleichsam Zeilen, in und zwischen denen es zu lesen gilt. Schon die Panels wirken wie herausgerissene Fetzen, Miniaturgemälde auf Zetteln.

Schließlich finden die Ambivalenzen ihren Ausdruck in einer Ästhetik des Türspalts: Wie bereits am Umschlag sind die Figuren oft nur halb abgewandt zu sehen, halb verdeckt durch eine Kapuze, eine Tür. Gesichter werden in angelaufenen Spiegeln und verregneten Lacken verwischt. Dann wiederum bleiben Panels, mit ironischer Geste, bis zu zwei Dritteln im Dunkeln oder Großaufnahmen aus schrägen Blickwinkeln verschieben die Bildkomposition. Das macht den Comic zu einer Schule des Bilderlesens.