Es ist jetzt ziemlich genau hundert Jahre her, dass Deutschland und in der Folge Österreich in eine Katastrophe bisher ungeahnten Ausmasses schlitterte, die letztlich ursächlich für das Entstehen der Nazi-Barbarei, des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts war; zwar nicht nur, aber auch: die Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923.

Die Ursachen und Auswirkungen dieses Desasters beschreibt der deutsche Historiker und Publizist Frank Stocker in seinem Buch "Die Inflation von 1923: Wie es zur größten deutschen Geldkatastrophe kam".

Es ist dies eine Katastrophe, die sich, wenig überraschend, tief in das kollektive Unterbewusstsein der Deutschen, aber auch der Österreicher eingeschrieben hat. Kein Wunder: Kaum eine Familie gibt es, deren Vorfahren damals nicht extrem unter der Hyperinflation gelitten haben. Nahezu der komplette Mittelstand wurde damals ökonomisch ausgelöscht, aus leidlich wohlhabenden bürgerliche Menschen wurden Mittellose an der Grenze zur Armut, weil sich ihre Ersparnisse innerhalb kürzester Zeit in Luft aufgelöst hatten.

Surrealistische Preise

Surrealistisch muten die Beträge an, mit denen damals hantiert wurde. Eine Semmel für Milliarden, ein Anzug für Billionen, die Scheibtruhe als geeignetes Transport-Vehikel für einen Monatslohn - ikonisch haben sich die Symbole der Inflation bis heute erhalten. Und immer mehr Menschen stellen sich heute, hundert Jahre danach, die Frage: Kann uns so etwas genauso blühen? Immerhin liegt die Inflationsrate in der Euro-Zone heute bei rund zehn Prozent; ein Wert, der auch am Anfang der damaligen Hyperinflation gemessen wurde.

Verblüffend sind, leider, die nicht gerade wenigen Parallelen zwischen der Wirtschaftspolitik von damals und jener von heute. So arbeitet Stocker sehr gut verständlich heraus, dass nicht etwa eine Naturkatstrophe, sondern eine Kombination aus einer Riesen-Krise und falschen politischen Entscheidungen das Geldinferno ausgelöst hatten.

Die Riesen-Krise, das waren damals die gewaltigen Reparationszahlungen, die Deutschland von den Siegermächten aufgebrummt bekommen hatten. Die Forderungen der Alliierten waren enorm, aber, so Stocker: "Die Summe wäre in einer großen Kraftanstrengung aufzubringen gewesen - über Steuererhöhungen, Vermögensabgaben, Sozialkürzungen."

Doch das, und das kommt uns irgendwie bekannt vor, war politisch nicht durchsetzbar. Statt dessen entschied sich die Regierung ganz bewusst dafür, Geld zu drucken. Auch das ist uns mittlerweile vertraut, die von der EZB geschaffene Geldmenge hat sich bekanntlich seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 versechsfacht.

Dazu kam, dass die deutsche Wirtschaftspolitik und ihre Akteure einem schweren Irrtum erlagen: "Denn sie hingen größtenteils einer verhängnisvollen Theorie an. Der zufolge war die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg nicht die Folge der wachsenden Geldmenge." Als Ursache hätten sie vielmehr die negative Außenhandelsbilanz angesehen. Dies habe dazu geführt, dass die Mark abgewertet wurde. Das habe dann einen Anstieg der Importpreise zur Folge gehabt, was auch die anderen Preise steigen habe lassen. Als Reaktion darauf habe die Notenbank schließlich immer mehr Geld drucken müssen. Das hemmungslose Gelddrucken sei zur Folge der Inflation umdefiniert worden.

Heute weiss man zwar, dass Gelddrucken Inflation zur Folge hat und nicht umgekehrt - aber die Politik sowohl in den USA als auch in der EU kann der Versuchung dennoch nicht widerstehen, diesen scheinbar leichten Weg zu gehen.

Es ist eine wirkliche Stärke von Stockers lesenswertem Buch, auch für den ökonomischen Laien leicht lesbar zu sein und ihm das Gefühl zu geben, ganz dicht am Geschehen dabei zu sein. Etwa wenn er beschreibt, wie es in Berlin nach dem von der Regierung erlassenen Verbot des Besitzes von Devisen und Gold zu regelmäßigen Razzien kam.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich diese Geschichte derart extrem wiederholen wird, resümiert Stocker - aber einen kleinen Vorgeschmack erleben wir derzeit. Das ist schlimm genug.