Das passiert wahrlich nur wenigen Autoren: dass für sie extra ein Verlag ins Wirtschaftsleben gerufen wird. Dem Schweizer Thomas Hürlimann widerfuhr es 1980. Da war Egon Ammann, damals Literatur-Scout des Suhrkamp Verlags in Zürich, mehr als angetan, ja überwältigt von Hürlimanns Debütmanuskript "Die Tessinerin", einer Sammlung von Erzählungen. Andererseits wollte der damals in West-Berlin lebende Hürlimann partout kein Autor des deutschen Verlags von Handke, Bernhard, Brecht und Frisch werden.

Also kündigte Ammann - zuvor Buchhändler in Istanbul und Diener eines spanischen Toreros - kurzerhand seine Stelle, gründete einen eigenen Verlag und präsentierte als erstes Buch 1981 "Die Tessinerin" des damals 31-jährigen Jungautors. Es entwickelte sich zu einem Longseller. Hürlimann, Sohn eines seinerzeit schweizweit bekannten Politikers, ist heute ein mit vielen Preisen geehrter Autor.

Skurrile Mönche

Mit "Der Rote Diamant" legt er nun seine vielleicht beste, reifste, hinreißendste Prosaarbeit vor. Es ist neben zahlreichen Theaterstücken, einer Handvoll Filmdrehbüchern, zwei Novellen und drei Bänden mit Erzählungen erst sein vierter Roman - und wie so vieles in seinem Werk autobiografisch grundiert. Anlässlich seiner Novelle "Fräulein Stark" kam es ja tatsächlich zu einem publizistischen Duell mit einem Anverwandten, der sich darin verunglimpft fühlte.

Als Jugendlicher hat Hürlimann das Lyzeum im Kloster Einsiedeln absolviert. Nun hat der gebürtige Zuger - der mehr als drei Jahrzehnte in Berlin ansässig war und sich der jahrelangen Behandlung einer Krebserkrankung halber in die Schweiz begab, vorläufige Unterkunft in einem Fährhaus in Walchwil am Zugersee fand, woraus inzwischen sein fester Wohnsitz wurde - einen Klosterinternatsroman geschrieben.

- © S. Fischer
© S. Fischer

Arthur Goldau, Sohn eines Schweizer Offiziers und einer überkandidelt exaltierten Mutter, gebürtige Katz - dies bereits eine erste innerliterarische Referenz zu anderen Büchern wie Vorfahren Hürlimanns -, kommt Anfang der 1960er Jahre in ein Benediktinerstift-Internat in den Schweizer Bergen. Das Reglement dort ist strikt, das Regime des Abtes, dem nachgesagt wird, sich selbst am dementen Vorgänger vorbei in dieses Amt befördert zu haben, unnachgiebig, ja drakonisch. Die Mönche sind größtenteils skurril, die Mitschüler ebenso.

Dazu kommt: Das große, ebenso in Kathedralenhöhe aufregende wie in die Tiefe gebaute weitläufige, massive Anwesen ist ein Relikt alter Zeiten. Es ist nämlich ein Legat der Dynastie der katholischen Habsburger, deren Stammburg, die Habsburg, sich unweit im Kanton Aargau befindet. Daher kommt jedes Jahr am 31. März die betagte Ex-Kaiserin Zita, um am nächsten Tag den Gedenkgottesdienst für ihren 1922 verstorbenen Gatten Karl zu feiern.

Zudem durchwabert das Stift der Mythos eines unbezahlbaren Diamanten, des "Roten Florentiners", der durch die Jahrhunderte gewandert und 1921 schließlich spurlos verschwunden ist. Befindet er sich vielleicht irgendwo auf dem Internatsgelände? Oder ist das lediglich eine Legende, ein Volksmythos?

Von Beginn an legt Hürlimann eine hochmelodiöse, enorm feinsinnig gearbeitete Prosa vor, in der er an nicht wenigen Stellen grandiose, geradezu meisterliche Wendungen, Sätze und Passagen zu Papier bringt. Sie schwingt, sie singt, sie ist hochmusikalisch. Suggestiv umreißt er die Atmosphäre seelischer wie körperlicher Einengungen, schildert bildstark, ironisch und psychologisch reif das auf Repression und Durchschnittlichkeit abzielende Lehrregime, die Eintönigkeit, das Vergehen der Zeit, das Verharren in nicht nur antiquierten, sondern von Staub dickbepuderten Zeremonien einer längst überlebten Vergangenheit.

Leuchtende Sehnsucht

Dass Hürlimann dann auf den letzten sechzig Seiten noch einen Sprung von fünfzig Jahren macht, von 1968 - dem Endpunkt von vielem, nicht nur der Schulzeit, während der Untergang der Institution sich schon abzeichnet - bis in die Gegenwart, das will dramaturgisch erst einmal nicht wirklich einleuchten. Das Finale erweitert sich aber dann tatsächlich zu einer Fabel über Leben und Lebensverfehlung, Ideale und die hehre Ziele zermahlende Realität, über Altern und Einsicht und Versagen. Auch über Glück und Freundschaft und Melancholie und Einsamkeit.

Dass dabei der rote Diamant eine stete Sehnsucht ist und in seinem Strahlen dem grünen Licht in F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" ähnelt, auch das dürfte in diesem großen und großartigen Roman vieles sein, eines allerdings nicht: Zufall.