Nahe bei New Orleans ist ein Privatjet ins Meer gestürzt. Bergungstaucher machen sich auf die Suche nach dem Wrack, gefunden werden acht Leichen, der neunte Passagier wird ebenso vermisst wie die Blackbox des Flugzeugs. Das könnte man den Plot von Cormac McCarthys neuem Roman nennen. Auch der Titel des 530 Seiten starken Wälzers, "Der Passagier", weist in ebendiese Richtung. Bobby Western heißt der vom Schicksal gebeutelte Held einer abenteuerlichen Geschichte, die sich allerdings im erzählerischen Nichts auflösen wird.

Im früheren Leben hat Western Physik studiert und ist in Europa Formel-2-Rennen gefahren - eine Disziplin, die ihm statt Trophäen eine Metallplatte im Schädel eingebracht hat. Jetzt, in den frühen 1980er Jahren, lebt er von Gelegenheitsjobs in einem heruntergekommenen Stadtviertel von New Orleans. Dort hat er seine Stammkneipe und einen illustren Freundeskreis, der sich aus Kleinkriminellen und hochgebildeten Zeitgenossen zusammensetzt.

Von Idaho nach Ibiza

Dementsprechend fallen auch die vom Erzähler lustvoll inszenierten Dialoge aus: Vulgärer Kneipentratsch und misogyne Zoten werden von philosophisch-naturwissenschaftlichen Exkursen mit dem Schwerpunkt Quantenmechanik und Fragen nach den "letzten Dingen" konterkariert. Dazu gesellt sich ein gerütteltes Maß an jüngerer USA-Geschichte - von der Ermordung John F. Kennedys (ein Joint Venture der Mafia und der CIA) bis zum Vietnam-Krieg.

Gelegentlich drangsalieren US-Bundesbeamte den Helden mit Vernehmungen und Hausdurchsuchungen, lassen dessen Konten sperren und seinen Reisepass für ungültig erklären, aber in welcher Sache die Federals eigentlich ermitteln, lässt Cormac McCarthy offen. Stattdessen breitet er eine innige Freundschaft Bobby Westerns zu einem Transsexuellen aus und führt einen zwielichtigen Anwalt mit bemerkenswerten politischen Erkenntnissen in ein sich immer weiter verlierendes Geschehen ein, das Western schließlich zu einer Irrfahrt über Tennessee und Idaho bis nach Ibiza führt. Er - und nicht die beim Flugzeugabsturz vermisste neunte Person - ist offensichtlich der "Passagier" des Romantitels.

- © Rowohlt
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So weit der Versuch einer einigermaßen stringenten Schilderung der Geschehnisse. Doch diese sind für den Autor nicht viel mehr als Beiwerk für jene Geschichte, die er tatsächlich erzählen will: die Geschichte einer von Begehren und Schuldgefühlen geprägten Geschwisterliebe im Schatten der Atombombe, an deren Entwicklung der Vater der Western-Geschwister maßgeblich mitgearbeitet hat.

Was in Roman Nummer eins für gehörige Verwirrung sorgt - die konsequente Kontrastierung der Handlung durch halluzinierte Auftritte einer regelrechten Freak Show, angeführt von einem so bezeichneten "Contergan-Zwerg", der mit obszönen Witzen ein offenbar psychisch krankes Mädchen heimsucht -, findet in Roman Nummer zwei mit dem Titel "Stella Maris" seine Auflösung.

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In "Stella Maris" - einer heute noch existierenden Nervenheilanstalt in Wisconsin - ist Anfang der 1970er Jahre Alicia, die jüngere Schwester von Bobby Western, auf eigenen Wunsch untergebracht: eine außerordentlich talentierte Geigerin, die sich Jahre später von ihrem Erbe eine 200.000 Dollar teure Amati-Violine kauft. Von der Musik wechselt das hochintelligente Wunderkind zur Mathematik: "18 Stunden täglich" habe sie sich damit befasst, um letztlich zu erkennen, dass sie trotz Genie und Fleiß diese Wissenschaft nie verstanden habe.

Anders als im weit ausschweifenden Roman "Der Passagier" legt Cormac McCarthy in "Stella Maris" ein literarisches Kammerspiel vor. Ein verständnisvoller, aber sichtlich überforderter Psychiater sitzt einer oft unwirschen Patientin gegenüber, die alle Therapien ablehnt und stattdessen philosophisch-erkenntnistheoretische Vorträge hält. Im Mittelpunkt des einseitigen Diskurses stehen die höhere Mathematik, die String-Theorie und wieder einmal die Quantenmechanik, was den Leser allerdings, sofern er nicht zum Lexikon greift oder im Internet kramt, in eine prekäre Mischung aus Unverständnis und Langeweile treibt.

Alicia wird sich gegen Ende der Gesprächstherapie, am Weihnachtsabend, das Leben nehmen. "Das Einzige, was je von mir verlangt wurde, war, mich um sie zu kümmern. Und ich habe sie sterben lassen", resümiert der von immer wiederkehrenden Gewissensbissen geplagte Bruder.

Der Leser dieser beiden Romane bleibt hingegen ohne schlechtes Gewissen, aber mit einigen Fragen zurück. Was hat den inzwischen 89-jährigen und hochgelobten, sowohl mit dem National Book Award als auch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Autor, der für seine vorangegangenen Bücher als würdiger Nachfolger von William Faulkner gefeiert worden ist, dazu getrieben, ein dermaßen spekulatives und theoriegespicktes Werk vorzulegen?

Eine mögliche Antwort mag sich darin finden, dass McCarthy seit geraumer Zeit kein Hehl daraus macht, dass er von Schriftstellerkollegen (Kolleginnen werden von ihm nicht einmal erwähnt) wenig bis gar nichts hält, sondern sich stattdessen als "ständiger literarischer Gast" am Santa Fe Institute im Kreise von Mathematikern und Physikern aufhält, unter "intelligenten und höchst interessanten Menschen", wie er sagt.

Kein großer Wurf

Frage Nummer zwei betrifft die Verlage in den USA und Deutschland. Was hat diese dazu bewogen, "Der Passagier" und "Stella Maris" als "opus magnum" zu bewerben? Ja, es mag schwierig sein, ein 800-Seiten-Buch auf den Markt zu bringen, aber ohne die beiden Romane in ihrer notwendigen Einheit zu erfassen, bleiben kaum mehr als Erstaunen und Verwirrung zurück.

Cormac McCarthy - und das soll, ebenso wie ein nötiges Lob an die Übersetzer Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren, nicht unerwähnt bleiben - ist über manche Strecken seinem unverwechselbar prägnanten Stil, mit dem er in kürzesten Sätzen atmosphärische Dichte und packende Authentizität herzustellen vermag, treu geblieben. Die Betonung liegt auf "manche", denn am Ende ist eines klar: Für getreue McCarthy-Leser werden die beiden Bücher eine, sagen wir, mittlere Enttäuschung sein.