Ein Roman, der tief in realen Ereignissen wurzelt: Der 1976 geborene Alex Schulman, zurzeit einer der populärsten schwedischen Schriftsteller, spürt eine Aggres-sion und Wut in sich, die er sich nicht erklären kann und die sein Familienleben zu zerstören droht: "... mir war klar, dass immer eine unterschwellige Gereiztheit in mir schlummerte, die unnötig schnell entflammte. Bis zur Katastrophe war es oft nur ein kurzer Weg, und ich reagierte heftig und unmittelbar auf kleine Misserfolge, laute Geräusche, Stress, Missverständnisse ... Ich trug eine Wut in mir, die nicht nur mich, sondern auch meine Familie vergiftete."

Gibt es ungelöste Traumata in der Familie und kann Wut sich vererben? Diese Fragen beschäftigen Alex Schulman. Als er bei einer psychotherapeutischen Sitzung die Beziehungen innerhalb seiner Verwandtschaft mit geraden Linien für gutes Einvernehmen und mit gezackten Linien für Streitigkeiten symbolisieren soll, ist es für ihn eine schockierende Erkenntnis, die Streitbeziehungen ausschließlich auf Seite der Mutterfamilie vorzufinden - ein Chaos aus Trennungen, Auseinandersetzungen und Unversöhnlichkeit. Was ist hier passiert, dass die Bindungen so brüchig sind, sich jeder mit jedem streitet und Harmonie nie lange hält?

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Alex beginnt zu recherchieren und gelangt schnell zur Generation seiner Großeltern. Er erinnert sich an die einschüchternden Begegnungen mit seinem Großvater, dem bekannten Autor, Journalisten und Literaturkritiker Sven Stolpe: ein grimmiger Haustyrann, der seine Frau von oben herab behandelte. Sie wiederum verhielt sich ihm gegenüber unterwürfig, was so gar nicht zu ihr passte: Karin Stolpe, Tochter des Chemie-Nobelpreisträgers Hans von Euler-Chelpin, von Beruf Übersetzerin, war eine selbstbewusste junge Frau, bis ein Ereignis sie aus der Bahn warf: Mit 24 Jahren, als sie schon mit Sven verheiratet war, verliebte sie sich in den Schriftsteller Olof Lagercrantz.

Konsequent und beharrlich tastet sich Alex Schulman erinnernd und erzählend auf mehreren literarischen Ebenen an die verhängnisvolle Dreiecksgeschichte heran und rekonstruiert die Ereignisse eines verwirrenden Sommers, die bei allen Beteiligten ein Trauma hinterlassen, mit dem auch die nachfolgenden Generationen zu kämpfen haben. Je deutlicher sich die Ereignisse aus Vermutungen und Spekulationen herausschälen, umso dichter und spannender wird der erzählerische Sog.

Alex nimmt Kontakt zur Familie von Olof Lagercrantz auf und erhält dessen Tagebuch, das weitere Aufschlüsse liefert. "Ein Schauer überläuft mich. Unsere jeweiligen Familien sind offenbar ganz unterschiedlich mit dem Trauma umgegangen. Was in meiner Familie mit einem Bann belegt wurde, ist in seiner Familie offen diskutiert worden. Bei uns eine Trauer, die niemand zugeben wollte, bei ihnen eine offene Wunde."

Schließlich tauchen noch Briefe auf, die entgegen allen Geboten und Vorsätzen nicht verbrannt wurden und Zeugnis ablegen von einer großen tragischen Liebe. Alex Schulman, der mit diesem Buch auch seiner Großmutter eine Stimme geben wollte, sagt dazu in einem Interview: "Ich verstand zum ersten Mal, dass mein Großvater, der große Autor, alles in Gang gesetzt hatte, und ich begann, mich mit seinem Werk und seinem Leben zu beschäftigen. Da entfaltete sich alles. Erst als ich die Briefe in Händen hielt, die Liebesbriefe, wurde mir klar: Diese Geschichte ist zu schön, um nicht erzählt zu werden." Stimmt!