Vanessa Walder ist eine Vielschreiberin. Mehr als 90 Bücher für Kinder und Jugendliche hat sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten verfasst. Und dabei widmet sie sich auch schwierigen, um nicht zu sagen harten Themen. Zum Beispiel der Frage, wie es einer Zwölfjährigen geht, der mehr als ihr halbes Leben lang schon zwischen Kinderheim, Pflegefamilien und betreuten WGs hin- und hergeschoben wird. So wie Enni, die eigentlich anders heißt - aber wagen Sie bloß nicht, sie mit ihrem echten Namen anzusprechen. Dann sieht sie rot, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Wie Enni überhaupt leicht ausrastet, wenn die richtigen Hebel umgelegt werden, ob absichtlich oder unabsichtlich.

An der jüngsten Eskalation, die sie ausgerechnet jene Pflegefamilie kostet, in der sie sich endlich wirklich zuhause gefühlt hat, ist sie dafür nicht selbst schuld. Ausbaden muss sie es trotzdem. Und nach einer unschönen Szene landet sie in einem Internat irgendwo in den Bergen, fernab der sogenannten Zivilisation. Was sie dort erlebt, wie sie von dort zu flüchten versucht, weil sie ihren Pflegebruder Noah wiederfinden will, der zwischenzeitlich in die Schweiz übersiedelt ist - und warum sie letztlich doch geblieben ist, all das erzählt sie dem Psychologen, der sie im Internat betreut. Und zwar in deftiger Jugendsprache. Mann, kennt die Schimpfwörter!

Aber keine Sorge, die jungen Leserinnen und Leser bekommen kein einziges davon zu hören, weil nämlich jedes Schimpfwort in Saaks (so heißt das Internat, bei dem man so wie Enni das Gefühl nicht loswird, dass etwas faul daran ist) 50 Cent oder eine Stunde gemeinnützige Arbeit kostet. Und Enni spart sich lieber das viele Geld und streicht alle bösen Wörter durch (bei einigen braucht man freilich zumindest als Erwachsener nicht viel Fantasie, bei anderen hingegen schon).

Sie erzählt auch von den Typen, die sie in Saaks kennengelernt: der engelhaften, blinden Lillith, die sich als hinterhältiges Biest herausstellt; dem körperbehinderten Dante, der aus ihrer Sicht der wahre Herrscher von Saaks ist; dem diabeteskranken Lucky, der als Nesthäkchen mit seiner Mutter, der Köchin, im Internat wohnt; dem Externisten Mattis, der unten im Dorf wohnt und ihr zunächst nicht über den Weg traut oder ihr womöglich die neu geknüpften Freundschaftsbande zu Dante neidet; dem schweigsamen Riesen Karan, der seine Angst mit der wildesten Achterbahnfahrt seines Lebens besiegen will; den Lehrern, unter denen die Mathematikerin die einzige ist, die Enni zu verstehen scheint - kein Wunder, ist doch Mathematik das einzige Schulfach, das sie wirklich mag, weil es etwas Tröstliches, Berechenbares hat, im Gegensatz zu ihrem eigenen Leben, in dem sie sich erst zurechtfindet, wenn sie das X in der Gleichung gefunden hat. Nicht umsonst hat Vanessa Walder ihrem Buch den Untertitel "Das Leben ist ein Rechenfehler" gegeben.

Die titelgebenden "Unausstehlichen" sind letztlich gar nicht so unausstehlich. Und Enni selbst ist eigentlich auch nicht der Psycho, als der sie glaubt, dass die anderen sie sehen. Sie ist einfach eine Zwölfjährige, die schon viel zu viel durchgemacht hat an Erfahrungen in ihrem jungen Leben und damit zurechtzukommen versucht. Und die sich auch dann heimatlos fühlt, wenn sie wieder einmal ein neues Zuhause bekommt. Es ist ein eindringliches Heim- und Pflegekinderdrama, das Vanessa Walder hier geschrieben hat. Rasant wie Karans Achterbahnfahrt und dabei höchst emotional. Ein gelungener Auftakt für eine neue Jugendbuchreihe.