"Israel - was geht mich das an?" Gute Frage. In diesem Fall, gestellt von den beiden Herausgebern, dem in Ungarn geborenen und international tätigen Unternehmer Erwin Javor und dem renommierten Journalisten Stefan Kaltenbrunner. Beantwortet wird diese Frage in dem von ihnen herausgegebenen Band von einer bunt gemischten Gruppe von 15 Philosophen, Journalisten, Schriftstellern und anderen: Harry Bergmann, Wolf Biermann, Jaron Engelmayer, Mirna Funk, Peter Huemer, Charles Lewinsky, Ahmad Mansour, Doron Rabinovici, Julya Rabinowich, Esther Schapira, Robert Schindel, Ben Segenreich, Joshua Sobol, Danielle Spera und Christian Ultsch.

Ihre Antworten fallen dabei sehr persönlich aus, ganz so wie von den Herausgebern intendiert. Israel geht sie etwas an, denn sie sind dort aufgewachsen, haben dort gelebt oder leben dort, haben Verwandte und Freunde in Israel. Oder wie es der "Presse"-Journalist Ultsch in Bezug auf die 65.000 österreichischen Holocaust-Opfer formuliert: "Was geht mich Israel an? Genau diese Geschichte!"

Israel wird allzu oft zur
Projektionsfläche

Abgesehen von der stets persönlichen Note sind die Beiträge je nach Verfasser oder Verfasserin eher historisch, literarisch, ja sogar theologisch ausgerichtet. Eines machen aber praktisch alle Beiträge, jeder auf seine Weise, deutlich: Israel berührt, Israel bewegt, zu Israel hat praktisch jeder eine Meinung - wenn auch davon oft keine Ahnung. Israel lässt offenbar niemanden kalt. Und auch darin sind sich fast alle Autoren einig, Israel wird mit einem anderen Maß gemessen als praktisch jeder andere Staat der Welt.

Martin Weiss war von 2015 bis 2019 Österreichs Botschafter in Israel und danach in den USA. Seit 2022 ist Weiss Leiter des Salzburg Global Seminar. 
- © Mahmoud Ashraf

Martin Weiss war von 2015 bis 2019 Österreichs Botschafter in Israel und danach in den USA. Seit 2022 ist Weiss Leiter des Salzburg Global Seminar.

- © Mahmoud Ashraf

Von Israel wird, so Lewinsky, oft ein Grad von moralischer Perfektion erwartet, der uns bei keinem anderen Staat auch nur in den Sinn käme. Diesen Argumenten kann man sich schwer entziehen. Grenzt beispielsweise das Ausmaß der Beschäftigung mit dem Staat Israel, das man im Rahmen der Vereinten Nationen oft beobachten kann, nicht schon an eine Manie?

Die Autoren sind hier praktisch einer Meinung: Ja, wenn über Israel gesprochen und berichtet wird, dann dient dieser Staat allzu oft als Projektionsfläche, an Israel kann man sich einfach herrlich abarbeiten. Alle - auch der langjährige Israel-Korrespondent Segenreich, der anfangs gar nicht verstanden hat, warum denn gerade er aufgefordert wurde, einen Beitrag zu verfassen ("Bei mir liegt das doch auf der Hand") - haben auf ihre Weise viel Interessantes zum "Faszinosum Israel" beizutragen.

Ein komplexes, aber auch ganz normales Land

Es findet sich in diesem Buch etwas über die Liebe zu Israel, über Israel als Paradies für kleine Kinder (was ich bestätigen kann), über ein Land voller Dissonanzen und Harmonien, über ein Land, das eine Versicherung für die Juden weltweit darstellt, über Spannungen, die, wenn sie allzu lang nicht beigelegt werden, irgendwann zu zerstörerischen Explosionen führen können, und selbstverständlich über das Übel des Antisemitismus.

Die diversen Texte sind dabei von unterschiedlicher Qualität, manche berühren, manche haben mich eher kalt gelassen. Besonders gut hat mir der Text von Lewinsky gefallen, der mit den Worten beginnt: "Ich will diesen Text nicht schreiben." Gott sei Dank hat er ihn dann doch geschrieben.

Am Ende der - meist kurzweiligen - Lektüre gibt es keine endgültigen Antworten. Das war wohl auch kaum zu erwarten. Israel ist - das konnte ich in meiner vierjährigen Tätigkeit als österreichischer Botschafter hautnah miterleben - ein faszinierendes und komplexes Land. Israel ist aber auch ein Land wie jedes andere: ein Land mit Stärken und Schwächen. Und manchmal täten wir ganz gut daran, einen Schritt zurückzutreten und Israel einfach Israel sein zu lassen. Israel geht uns - vielleicht - alle etwas an. Aber auch nicht allzu viel.

Israel - Was geht mich das an?
Herausgegeben von Erwin Javor und Stefan Kaltenbrunner
edition mena-watch; 25 Euro