West gegen Ost, Nord gegen Süd, Energiehunger gegen Katastrophenwarnungen hart prallen die Interessen aufeinander. Zugleich geht es immer um Werte: Demokratie gegen Autokratie, Gerechtigkeit gegen Ausbeutung, Luxus gegen Zerstörung. Da kommt der Vorschlag des emeritierten Grazer Soziologen Max Haller gelegen, wie ein Weg aus dem Gestrüpp der vielfachen Krisen führen könnte. Es ist nicht der erste derartige Versuch. Haller wendet sich kritisch gegen so manchen Fachkollegen, aber auch gegen Historiker oder Politologen. Er ortet Einseitigkeiten und viel pessimistische Panikmache, die eine Krisenbewältigung eher behindert. Konsequent geht er einen anderen Weg.

Der größte Nutzen

Hallers erste These ist, dass zwischen Interessen und Werten kein harscher Gegensatz besteht, denn wer sich bei der Verfolgung seiner Interessen an allgemeine Werte hält, erreicht sein Ziel nachhaltiger. Im nächsten Schritt filtert der renommierte Soziologe, der auch in Deutschland, in den USA, in Afrika gelehrt hat, aus einer beeindruckenden Fülle historischer und aktueller Versuche einige Grundwerte heraus, die immer und überall gelten und, sofern sie das Handeln bestimmten, den größten Nutzen erbrachten. Neun Grundwerte sind es, je drei existenzielle, politische und soziale. Die ersten betreffen das Leben als die Grundlage von allem, die zweiten das Zusammenspiel der Gemeinschaften auf allen Ebenen, die dritten das Individuum in seiner Einzigartigkeit und zugleich Angewiesenheit auf Gemeinschaft. Faszinierend und ganz neu sind die Überlegungen zum sozialen Grundwert "Inklusion".

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Hallers Grundwerte sind keine moralischen Kategorien. Es geht vielmehr um Einsichten, Instrumente, Praktiken, die sich im Lauf der Geschichte tausendfach bewährt haben, das Leben der Menschen möglich, erträglich, besser zu machen. Der existenzielle Grundwert Friede zum Beispiel ist für den Soziologen nicht aus ethischen Gründen besser, sondern weil jeder Krieg Leben zerstört, Freiheiten einschränkt, Wohlstand vernichtet, mithin der Menschheit nichts bringt.

Bis hierher mag das fast banal klingen. Das Neue an Hallers Buch ist, dass er, auf der soliden Basis der von ihm identifizierten Grundwerte stehend, weitausgreifend alle, wirklich alle derzeitigen Krisenerscheinungen in den Blick nimmt und dabei aufzeigt, warum eine krisenhafte Erscheinung auftreten konnte, warum ein Lösungsvorschlag sinnvoll oder unangebracht ist. Seinem Radar entgeht nichts, er reicht vom Krieg in der Ukraine über Waffenhandel, Großmachtstreben, Terror, Menschenrechte, Umwelt, Abtreibung, Kopftuch bis zum sexuellen Missbrauch. Man mag sich fragen, ob der interdisziplinäre Zugang und die Fülle an Literatur, von antiken Autoren bis hin zu den jüngsten Untersuchungen und Studien, einen Wissenschafter nicht überfordern. Es ist jedoch gerade die schlüssige Grundlage, die wie ein Schlüssel tausend Schlösser öffnet, die ihm diesen breiten Überblick ermöglicht. Man wird nicht allem beipflichten, doch ist Haller nie dogmatisch, vielmehr fordert er mit Popper eine offene Diskussion.

Lehr-, Handbuch und Studie

Als Ertrag des Werks, das zugleich Lehrbuch, Handbuch und hochaktuelle Studie ist, kann man erstens die These nennen, dass es offensichtlich einen Zeitpfeil gibt. Zuerst ist die Idee eines Wertes. Diese wird von charismatischen Menschen (vielen begegnet man im Buch), von Bewegungen, mitunter revolutionärer Art, weitergetragen und setzt sich trotz Rückschlägen in der Bevölkerung durch, nicht weil sie moralisch besser ist (das ist sie auch), sondern weil sie sich als nützlicher erweist. In diesem Sinn haben die gesellschaftlichen Grundwerte eben eine revolutionäre Kraft, wie der Übertitel lautet.

Die zweite auch vielfach belegte These ist, dass die Beachtung und Verbesserung eines Grundwertes immer auch zur Verbesserung in Bezug auf andere Grundwerte führt. Daraus ergibt sich die Aufforderung, bei jedem Lösungsansatz drauf zu achten, ob nicht andere Werte verletzt werden. Er kommt zu weitreichenden, fast utopischen Vorschlägen: Demokratisierung der Entscheidung über Krieg und Frieden, Beschränkung des Waffenhandels, Unterstützung von Staatsbildungsprozessen im globalen Süden, bis hin zur Reform der UNO. Aber nichts davon ist Utopie. Überall sind ja schon Prozesse im Gang, die darauf hinarbeiten, eben weil die Ideen und Werte dahinter nützlicher sind und allen etwas bringen. Das Buch ist so umfangreich, wie es die derzeitige multiple Krise ist, doch helfen die klare Gliederung und die bestechend systematische Aufbereitung. Sie lassen auch die Lektoratsmängel vergessen.