Vitoria sucht ihre Mutter. Mit zwei Jahren ist das Mädchen mit den Großeltern aus Angola nach Portugal geflohen. Ihre Mutter Rosa ließ sie ungerührt ziehen, sie blieb dort - weil sie in den Krieg für die Unabhängigkeit Angolas von Portugal gezogen ist und als Guerillera das Gesicht der Bewegung wurde.

Eine brutale Familiengeschichte, und die besorgte Frage liegt nahe, ob Yara Nakahanda Monteiro, die Autorin des Romans "Schwerkraft der Tränen" (Haymon), dies selbst widerfahren ist. Aber wie das so ist mit Literatur: Auch hier ist die Autobiografie nicht eins zu eins in der Fiktion gelandet. Tatsächlich ist Monteiro 1981 mit zwei Jahren mit ihren Großeltern aus Angola geflohen, allerdings auch mit ihrer Mutter. Damals hatte bereits der Bürgerkrieg, der nach dem Unabhängigkeitskrieg der 1960er Jahre einsetzte, begonnen. Zu groß war die Gefahr für die weiblichen Familienmitglieder, Vergewaltigungen zum Opfer zu fallen.

Frauen an der Front

Yara Monteiros erzählt in ihrem Roman von einem Frauenbild, das man nicht so oft in Kriegserzählungen findet. War dieser Krieg denn einer, in dem Frauen eine besonders aktive Rolle eingenommen haben? "Nein. Frauen nehmen aktiv am Krieg teil, seit es Kriege gibt! Selbst wenn Frauen an der Front gestanden sind, wird das nicht in Geschichtsbüchern stehen, denn Frauen werden mit anderen Eigenschaften assoziiert: Sie stehen fürsorglich in der zweiten Reihe. Sie werden immer als weniger wichtig dargestellt, sie werden rasch aus dem Rampenlicht entfernt im Narrativ. Es gibt jede Menge ukrainische Soldatinnen, aber sieht man die in den Nachrichten?"

Vorbilder für die Kämpferin in ihrem Roman waren zwei angolanische Frauen: Zum einen Deolinda Rodrigues, eine sehr junge militante Schriftstellerin, die hoch angesehen war in der Revolutionsbewegung. Sie wurde von der konkurrierenden Freiheitsbewegung gefoltert und ermordet. Zum anderen stand Carlota Pate für Vitorias rebellische Mutter, und da vor allem ein ikonisches Foto von ihr in Kampfanzug und mit Maschinengewehr, aber mit gelöstem Lächeln. Das Foto spielt schon eine wichtige Rolle in dem Animationsfilm "Another Day in Life" über den polnischen Kriegsreporter Ryszard Kapuscinski, der es geschossen hat. "In Angola wird ein neues Afrika geboren", war seine Ansicht, die ihn als Berichterstatter in diesem Krieg antrieb. Carlota und ihre ganze Einheit werden im Kampf getötet. Der Journalist überlebt, weil sie ihm nicht erlaubt hat, sie zu begleiten. Das Foto erinnert ihn an seine Pflicht, die Erinnerung an die Krieger und Kriegerinnen aufrechtzuerhalten. "Carlota war überaus ambitioniert, sie war so eine Getriebene, dass sie am Ende an der Front gestorben ist. Sie trägt eigentlich viele ,männliche‘ Charakteristika", erzählt Yara Monteiro.

Zu viel Geschichte

Nicht nur die zerstörerische Kraft des Kriegs, die Familien zerreißt, beschreibt Monteiro in ihrem Roman. Es steckt mehr dahinter. Auf absurde Weise mangelt es Vitoria, die nichts über ihre Eltern weiß, an eigener Geschichte, weil ihre Familie zu sehr in die Geschichte des Landes verwickelt ist, zu viel von der Geschichte in sich trägt. Monteiro geht es da ganz ähnlich, sie schildert ihren "Zustand" in der Selbstbeschreibung auf ihrer Homepage: Sie ist eine Ururenkelin der Sklaverei, eine Urenkelin der Mischehe zwischen Angolanern und Portugiesen, also Schwarzen und Weißen, eine Enkelin der Unabhängigkeit und eine Tochter der Diaspora. Was heißt das? "Meine Identität ist im heutigen Europa ein politisches Statement. Ich bin das koloniale System Portugals in eine Person gegossen. Das ist meine Geschichte und die von sehr, sehr vielen anderen Menschen." So viel Geschichte kann einem auch zu viel werden: "Wenn du zu viel Geschichte hast, ist immer ein Stück, das nicht passt. An einem gewissen Punkt habe ich mich verloren. Ich bin zwei Seiten einer Münze, ich bin der Unterdrücker und die Unterdrückten. Das steckt allein schon in meinem Aussehen. Lange waren die beiden Welten in mir zwar da, aber nicht verbunden. Mittlerweile habe ich gelernt: Ich bin zu 100 Prozent beides: 100 Prozent Angolanerin und 100 Prozent Portugiesin."

Alles kann passieren

Wie die Heldin ihres Romans ging auch Monteiro nach Angola, um ihre Wurzeln kennzulernen. "Kurz nachdem Friede war, fuhr ich hin. Es war natürlich ein Desaster. Meine Leute sahen mich nicht als Angolanerin, allein schon weil ich so einen breiten portugiesischen Akzent habe. Ich konnte auch nicht sofort etwas mit der Lebensart anfangen."

Ähnlich geht es ihrer Roman-Protagonistin, aber deren Begleiter erklärt ihr ganz nachvollziehbar, was ihm so an Angolas Hauptstadt Luanda gefällt: "In europäischen Städten ist alles so fertig. Hier kann noch alles passieren." Monteiro lacht: "Ja, das ist schon schön, aber auch sehr herausfordernd. Aber wenn man Forschergeist hat und kreativ ist, dann ist man richtig. Man kann in Angola keine Pläne machen. Der Bus kommt nie rechtzeitig. Man muss froh sein, wenn der Bus überhaupt kommt! Aber dann nimmt einen halt jemand auf dem Rad mit. Man hat jedenfalls jeden Abend etwas zu erzählen. Das Leben fließt einfach."

Aber das Angola von damals - die frühen 2000er - existiert so nicht mehr, sagt sie. Es ist nun westlicher, aber die Lage sei "dramatisch". "Es gibt so viel Korruption, fast die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, Corona traf Angola ziemlich schwer. Angola ist ein Land, dessen Einkommen zum Großteil aus der Öl- und Gasproduktion kommt, das ist jetzt eine schwierige Situation." Außerdem laboriere das Land noch immer daran, dass es 40 Jahre im Kriegszustand gewesen sei. "Menschen in meinem Alter, ich bin 43, erleben jetzt ihre ersten Jahre im Frieden." So lange im Krieg zu leben, zerstöre jede Moral und führe zu Entmenschlichung. Es sei kein Wunder, dass mitunter die Gier regiere, das sei nicht einmal zwingend eine Folge des Kolonialismus.

Stolz auf die Entdecker

Den Umgang Portugals mit seiner Kolonialgeschichte sieht Monteiro ambivalent. "Babyschritte" würden nun immerhin zur Aufarbeitung unternommen. Es sei aber auch schwierig, denn: "Kolonialismus ist immer auch mit der Identität einer Nation verbunden. Niemand will seine Identität attackiert sehen. Da steckt auch eine ganze Menge Stolz auf die großen Erforscher dahinter." In einem Artikel hat sie kürzlich darauf hingewiesen, dass das große Entdecker-Monument in Belém nahe Lissabon einen Gegenpol der Kolonisierten bräuchte. Denn zur Geschichte des Landes gehörten nun einmal beide Seiten.

Dass die Geschichte nun zumindest auf literarischer Seite neue Nuancen bekommt, dafür sorgt Monteiros Generation: "Meine Mutter und ihre Generation wollten einfach ihren Frieden, sie wollten auch über diese Themen gar nicht sprechen. Als ich mein Buch geschrieben habe, sind bei meiner Großmutter schlimme Erinnerungen wach geworden. Ich habe teils zum ersten Mal von dem Leid, das sie durchmachen musste, erfahren. Ich muss diese Geschichte erzählen. Es fühlt sich so an, als wäre das meine Rechtfertigung, dass es mich gibt."