Ein Buch über Bilder? Wo sind sie einzuordnen, diese "Geschichten vom Sehen", die Hanna Johansen in ihrem neuen Buch vorlegt? In einem Gang vom 12. bis ins 19. Jahrhundert schreibt sich die Autorin an einem mittelalterlichen Mosaik sowie an Bildern von Rembrandt, Tizian, Goya und Manet entlang, bevor sie anhand von neun so unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern wie Edward Hopper, Giovanni Giacometti, Thomas Struth oder Thea Altherr tiefe Eindrücke aus Begegnungen mit der Kunst des 20. Jahrhunderts erzählt.

Es seien, so schreibt Johansen in einem kleinen Vorwort, "ganz persönliche Geschichten, wie wir sie mit Bildern erleben können, wenn wir nicht vom Fach sind". Das ist gar zu bescheiden. Ein vor allem aus Understatement bestehendes Vorwort hätte dies souverän recherchierte und klug und prägnant erzählte Buch nicht nötig gehabt.

- © Dörlemann
© Dörlemann

Gleich der auf dem Cover abgebildete Ausschnitt aus Édouard Manets "Chez le père Lathuille, en plein air" (1879) zieht hinein in den intensiven Blick kompletter Hingabe eines jungen, lässig gekleideten Mannes in die Augen einer nur im Halbprofil zu sehenden Frau. Herausgefordert von "seinem naiven, fast kindlich zuversichtlichen Blick", begibt sich die Erzählerin tief hinein in die mögliche Geschichte hinter Manets Bild.

Ist er vielleicht doch "ein erfahrener Galan, dem nichts Unschuldiges mehr anhaftet"? Und warum steht nicht eine schöne Frau "frontal und verlockend schön" im Licht, "wie es sich seit Jahrhunderten gehört? Wo Männer zu handeln pflegen und Frauen auftreten." Aber hatte Manet nicht schon 14 Jahre vor diesem Bild mit seiner "Olympia" einen Skandal ausgelöst, als er, auch hier mit der Tradition brechend, die Frau "aus dem Schutz der Mythologie in die Gegenwart" geholt, sie "selbstbewusst" und mit "unverfrorenem Blick" gezeigt hatte?

Johansens kenntnisreiche Bildbetrachtung führt vom persönlichen Erlebnis in die Kunst- und vor allem Gesellschaftsgeschichte und leuchtet eine Epoche aus. Dass Manet in einer Umbruchzeit lebte, in Konfrontation mit der Fotografie, besonders mit Kriegsfotografien aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, veränderte grundlegend den Begriff von "Realität" und auch die Rolle der Frauen. Vielleicht also drückt sich genau in diesem rätselhaften Verhältnis der beiden das Bild vom "modernen Leben von 1897" aus, das Manet zeigen wollte?

Dass mit Ausnahme von diesem die besprochenen Bilder im Buch nicht abgebildet sind, ist extrem schade: Umso mehr, als Johansen die Bilder ja auch in ein Verhältnis zueinander setzt und es sich anbieten würde, ihr dies bei der Lektüre nachzutun. So hält sie zunächst Rembrandts "Goldenes Zeitalter" der Glaubensfreiheit und des Wohlstandes in den Niederlanden der "überaus düsteren Epoche" von Goyas Spanien entgegen - um das "Goldene" jenes Zeitalters dann auch wieder sehr zu relativieren, alles immer festgemacht am Bild.

Die Gründlichkeit, mit der einerseits betrachtet, andererseits dem historischen und persönlichen Kontext der Bilder erzählerisch nachgegangen wird, schafft ein packendes Stück andersartiger, nicht zuletzt persönlicher Geschichtsschreibung. So begleiten wir Johansen auf ihre Lieblingsinsel Torcello und lesen in ihren eindringlichen Überlegungen zu Robert Capas berühmtem Foto "Boy on a Tank" (1944) zwischen den Zeilen, wie sie selbst als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Man könnte Hanna Johansens "Bilder" auch als eine Art Selbstporträt in Fragmenten lesen.