Die Klasse ist zurück in der Literatur. Schon seit ein paar Jahren widmen sich zahlreiche Romane einem Thema, das lange Zeit verschwunden schien: den unteren Gesellschaftsschichten, denen, die mehr schlecht als recht über die Runden kommen und nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. So erzählen etwa die Bücher von Christian Baron oder Daniela Dröscher davon, wie es ist, in bildungsfernen Familien aufzuwachsen - und wie weit verbreitet Diskriminierung aufgrund der Klassenzugehörigkeit, der sogenannte "Klassismus", noch immer ist.

In Frankreich wurde diese klassenbewusste Literatur in Gestalt von Annie Ernaux voriges Jahr mit dem Nobelpreis geadelt, ihre eifrigen Schüler wie Didier Eribon oder Édouard Louis sind literarische Stars, und der Gesellschaftsroman erreicht bei Virginie Despentes neue, subkulturelle Höhen.

Das einfache Milieu

Auch der 1978 in Épinal in den Vogesen geborene und heute in Nancy lebende Nicolas Mathieu widmet sich in seinen Romanen der Welt der einfachen Leute. 2018 bekam er dafür den wohl bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. "Wie später ihre Kinder" hieß der Roman, für den er ausgezeichnet wurde, es war erst sein zweites Werk und wurde als sprachmächtiges, authentisches Porträt junger Menschen aus benachteiligten Gesellschaftsschichten gelobt - ganz in der Tradition der großen französischen Gesellschaftsromane von Balzac oder Zola.

Auch Mathieus jüngster Roman zeigt: Der Autor hat ein literarisches Herz für die französische Provinz und ihre Menschen. Statt Champagner wird hier Bier getrunken, statt Kunst und Oper gibt’s Eishockey und Fußball, und die Reichen und Schlauen in Paris eignen sich prächtig als einendes Feindbild. Es wird hart geschuftet, das Auto ist meist alt, aber lebenswichtig, und am Ende des Geldes ist immer noch einiges an Monat übrig. Vor allem aber: Dem Herkunftsmilieu entkommt man nicht, selbst wenn man es geschafft hat, herauszukommen aus dieser kleinbürgerlich-proletarischen Welt.

- © Hanser Berlin
© Hanser Berlin

So wie Hélène, die studiert hat und jetzt bei einer Consulting-Firma in Nancy arbeitet. Und die trotzdem nicht so recht glücklich ist: "Und das, obwohl sie alles hatte, zumindest auf dem Papier, das Architektenhaus, den Job mit Personalverantwortung, eine Familie wie aus der Elle, einen passablen Lebensgefährten, einen begehbaren Kleiderschrank und sogar eine gute Gesundheit. Blieb nur dieses schwer zu fassende Etwas, das sie fertigmachte, ein ständiges Zuviel und Zuwenig. Diese Zerrissenheit, die sie unbewusst in sich trug."

Da trifft es sich gut, dass sie zufällig dem alten Schulkameraden Christophe begegnet. All das, was sie hat, hat er nicht: Er ist nie weggekommen aus der heimatlichen Kleinstadt, verkauft Tierfutter und ist nach der Trennung von seiner Frau zu seinem verwitweten, schon leicht dementen Vater gezogen. Christophe war einmal der Star des örtlichen Eishockeyklubs, aber jetzt, mit Anfang 40 und einigen Kilo zu viel, spielt er nur noch, wenn der Trainer Mitleid mit ihm hat. Er kümmert sich liebevoll um seinen Sohn, aber sein Leben steckt irgendwie fest.

Genauso wie Frankreich. Wir schreiben das Jahr 2017, das Land hat die Wahl zwischen dem smarten Emmanuel Macron und der derben Marine Le Pen, aber die einfachen Leute wie Christophe haben schon längst aufgehört, von der Politik etwas zu erwarten.

Aus der Begegnung von Hélène und Christophe erwächst eine durchaus leidenschaftliche Affäre, der Sex ist toll und wild, eine Art Auszeit von den Mühen des Alltags. Trotzdem können die beiden am Ende nicht zueinanderkommen; warum genau, wird nicht ganz klar, aber Hélène hat sich wohl schon zu weit entfernt von dieser Welt, in der sie einst selbst zu Hause war.

Nach dem Erfolg

Nicolas Mathieus Roman will an den preisgekrönten Vorgänger anknüpfen und nimmt diesmal statt der Jugendlichen zwei Protagonisten in der Lebensmitte in den Blick. Leider geht das ziemlich schief. Erzählt wird in einem naiven Realismus, der ständig eine auktorial erklärende Stimme in die Figurenperspektive mischt, die Sprache badet in Adjektiven und trieft vor Pathos.

Man ahnt, was Mathieu mit diesem Buch wollte, aber über jede Menge Klischees und Kitsch kommt er diesmal nicht hinaus. Dass der Verlag den Roman damit bewirbt, hier werde die Geschichte einer modernen Madame Bovary erzählt, setzt der Enttäuschung über dieses missglückte und geschwätzige Buch die Krone auf. Der Roman mag gut gemeint sein, aber spätestens seit Gottfried Benn wissen wir: Gut gemeint ist eben oft das Gegenteil von Kunst.