Sorj Chalandon war 20 Jahre lang Kriegsberichterstatter und arbeitet seit vielen Jahren für die satirische Wochenzeitung "Le Canard enchaîné". 
- © JF PAGA

Sorj Chalandon war 20 Jahre lang Kriegsberichterstatter und arbeitet seit vielen Jahren für die satirische Wochenzeitung "Le Canard enchaîné".

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Für den französischen Journalisten und Autor Sorj Chalandon ist die Vater-Problematik neben dem Thema Verrat das Lebensthema schlechthin. Nun versucht er, dieses Trauma, das alle seine Bücher durchzieht, ein für allemal zu beenden, indem er die Abrechnung mit dem psychopathischen Vater in die Geschichte des Barbie-Prozesses in Lyon 1987 einbettet.

Das Vaterungeheuer kennen Chalandon-Leser schon aus "Mein fremder Vater" (2015, deutsch 2017). Dass der Autor seiner Kindheitshölle entrinnen konnte, ist ein Wunder: Der Vater ist unberechenbar, gewalttätig, zieht den verängstigten, stotternden Sohn in seine Wahnwelten hinein, erteilt ihm Geheimdienstaufträge, ist mal Fallschirmspringer, mal Judomeister, dann wieder Profifußballer - alles, was er sich ausdenkt, ist pure Fantasmagorie.

Die Mutter ist ihrem Mann hörig und kann den Sohn vor den Schlägen des Haustyrannen nicht schützen. Das Kind, das sich mit Picassos traurigem Kinderharlekin identifiziert, hat keinerlei Boden unter den Füßen, keine Orientierung, keine Bildung, keine Erziehung, nur Angst und Schrecken und Scham und Asthma aus Furcht. Von allen Geschichten ungeliebter Kinder ist diese eine der schrecklichsten.

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In seinem neuen Roman verknüpft Chalandon nun meisterhaft Privates und Gesellschaftliches. Es gibt zwei Äußerungen des Großvaters, die den erwachsenen Sohn dazu bringen, die Vergangenheit seines Vaters zu erforschen: Dieser sei im Krieg auf der falschen Seite gestanden und in deutscher Uniform gesehen worden.

Die nun einsetzende Recherche verbindet Chalandon geschickt mit der Beschreibung des Barbie-Prozesses von 1987, den er damals als Reporter begleitet hat. Klaus Barbie, der verantwortlich war für den letzten Transport von über 800 Juden - darunter die jüdischen Waisenkinder von Izieu - und Widerstandskämpfern nach Auschwitz sowie für unzählige brutale Folterungen, war nach zehnjähriger Suche von Beate und Serge Klarsfeld in Bolivien aufgespürt und nach Frankreich verbracht worden.

Während also der französische Staat dem "Schlächter von Lyon" den Prozess macht, entlarvt der Sohn die Lebenslügen seines Vaters, der als Zuschauer im Gerichtssaal sitzt. Der Ich-Erzähler des Romans erhofft sich eine emotionale Bewegung seines Vaters durch das Prozessgeschehen, aber vergeblich: Der Vater zeigt im Gerichtssaal das gleiche gemeine Grinsen wie Barbie, die gleiche Regungslosigkeit bei den Aussagen der wenigen überlebenden Gefolterten und Deportierten oder bei der ergreifenden Schilderung des Schicksals der Kinder von Izieu, die fast ein Jahr lang vor Verfolgung und Deportation hatten beschützt werden können, bis sie schließlich verraten und am 6. April 1944 zu Opfern der Gestapo wurden.

Der Vater, der sich ein Leben lang als Widerstandskämpfer und später sogar als geheimer Berater von de Gaulle ausgegeben hat, hat in Wirklichkeit einen unglaublichen Lügenteppich um sich herum ausgebreitet. Er war fünfmal aus fünf verschiedenen Armeen desertiert und schließlich verhaftet und verurteilt worden. Der Ich-Erzähler konfrontiert seinen Vater peu à peu mit den Informationen, die er sich aus dem Nationalarchiv besorgt hat, aber der verweigert jedes Gespräch und bleibt bei seinen Hochstapeleien.

Erstaunlich ist für den Sohn und für uns, wie dieser Mann, der gerade einmal lesen und schreiben konnte, immer wieder Soldaten, Polizisten, Gestapo-Leute, Richter und Anwälte düpieren und seine Haut retten konnte. Niemand hatte sich je gegen seine Fantastereien gestellt.

Der brennende Wunsch des Ich-Erzählers nach Erklärung und Versöhnung wird sich nicht erfüllen: Der angebliche Résistance-Kämpfer identifiziert sich während des Prozesses mit dem Täter, verhöhnt die Opfer und seinen Sohn, den er schließlich endgültig aus seinem Leben wirft. Der reale Vater von Sorj Charandon starb mit 92 Jahren in einer psychiatrischen Klinik, der Vater im Buch findet ein romaneskeres Ende.

"Verräterkind" lässt einen nicht kalt. Schon der Anfang, der ganz aus der Perspektive der Opfer die Geschichte der Kinder von Izieu erzählt, ist aufwühlend. Der Roman ist auch eine Erinnerung an diese Kinder und ihr Schicksal. Und er ist eine ungemein spannende Lektüre, auch weil er sehr geschickt und in großer sprachlicher Intensität privates und zeitgeschichtliches Geschehen miteinander verknüpft.