Eigentlich war Frankfurt am Main die Stadt, die dem leidenschaftlichen Flaneur Wilhelm Genazino das Material für seine Romane bot. Abgesehen von sechs Jahren in Heidelberg lebte er von 1970 bis zu seinem Tod 2018 in der Bankenmetropole und vielleicht war es gerade die kühle Moderne Frankfurts, die ihn zu seiner ganz eigenen Form moderner Großstadtliteratur inspirierte.

Aber auch an Wien fand er Gefallen, und zwar, wie zu erwarten, an den weniger prunkvollen Fassaden. So hielt er 1986 in seinem "Werktagebuch" begeistert fest: "Die langen Wiener Straßen sind für mich wie geschaffen. Auf ihnen kann ich entlang gehen und dauernd auf unheimliche Weise meine Gefühle wechseln. (...) Gut ist die Lerchenfelder Straße, die Josefstädter Straße, die Alser-Straße, die dann in die Ottakringer Straße übergeht, dort gibt es jede Menge alter verrotteter Häuser mit neuartig herausgeputzten Erdgeschossen, unten dröhnt das Neon-Licht, oben fällt der Mörtel herunter: das gefällt mir: der Schein, der nicht gehalten werden kann, der Schein, der schon im ersten, spätestens im zweiten Stockwerk zu Ende ist, dieser Schein ist wie ich selber und wie alle sind, jedes Haus zeigt, daß es ein Unten und ein Oben gibt, einen Satz und einen Gegensatz, etwas in sich Zerbrochenes und weiter Zerbrechendes."

Lange ein Geheimtipp

Am 22. Jänner wäre Wilhelm Genazino 80 Jahre alt geworden. Bekannt wurde er in den 1970er Jahren mit der sogenannten "Abschaffel"-Trilogie, drei Romanen aus der eher freudlosen Angestelltenwelt der alten Bundesrepublik. Es folgten weitere Romane, doch obwohl er mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, kam er über den Rang eines Geheimtipps nicht wirklich hinaus.

Der Durchbruch kam 2001 mit "Ein Regenschirm für diesen Tag". Es war sein erster Roman im Münchner Hanser Verlag, und er landete nach einer Besprechung in der legendären Literatursendung "Das literarische Quartett" (damals noch mit Marcel Reich-Ranicki) tatsächlich auf der Bestsellerliste. Von nun an galt Genazino als Erfolgsautor, doch an seiner Bescheidenheit und seiner Distanz zum Literaturbetrieb hat das nichts geändert: "Es gibt kein Recht auf Beifall."

- © Hanser
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Wie sehr ein Schriftsteller fehlt, wie sehr wir als Lesende seinen Blick auf die Welt, seine Versprachlichung von Wirklichkeit vermissen, das zeigt sich oft besonders grell, wenn aus dem Nachlass urplötzlich eine Veröffentlichung über uns hereinbricht, die diesen Verlust noch einmal in Erinnerung ruft. So ergeht es uns nun auch bei Wilhelm Genazino: 20 Romane, unzählige Hörspiele und jede Menge Essays hat dieser große Phänomenologe des Alltags geschrieben, und doch ist es so, als würden wir erst jetzt, mit den Aufzeichnungen in dem Band "Der Traum des Beobachters", das eigentliche Herzstück dieses Œuvres kennenlernen.

Von 1972 bis kurz vor seinem Tod 2018 notierte Genazino auf Zetteln alles, was ihm so auf- und einfiel bei seinen flanierenden Streifzügen durch die Wirklichkeit. "Prothese des Schreibens" nannte er diese Materialsammlung, die als eine Art literarischer Notvorrat gedacht war, aber tatsächlich war sie viel mehr:

"Nach einigen Jahren merkte ich, daß nicht die befürchtete Schreibnot der Grund der Zettelsammlung war, sondern eine tiefsitzende Angst, die ich lange nicht auszusprechen wagte: Die Angst, daß mich eines Tages das Schreiben selbst verlassen würde. Dann würde ich nur noch zu Hause sitzen, ratlos, berufslos, ohne Geld, bald ohne Wohnung und bald auch ohne einen einzigen Menschen, der es mit meiner Verlassenheit aufnehmen würde. (...) Die Zettel dagegen flüstern mit Anmut und Zuversicht: Morgen geht es weiter."

Diese Notizzettel wurden dann zu Hause sogleich abgetippt und zusammen mit Zeitungsausschnitten, Fotos und anderem fein säuberlich abgeheftet. Am Ende umfasste dieser "Materialcontainer" 38 Aktenordner mit insgesamt etwa 7.000 Seiten. Zahlreiche Blätter sind der vorliegenden Ausgabe als Faksimiles beigegeben, sodass man einen Eindruck davon bekommt, wie akribisch Genazino seine Beobachtungen und Gedanken festgehalten hat. Vor allem aber zeigt sich, dass das eigentliche literarische Werk ohne diese Vorarbeit nicht denkbar war.

Von eigenem Rang

Besonders deutlich wird das am schon erwähnten Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag". Dessen Protagonist läuft als Schuhtester durch die Straßen Frankfurts; der Keim für dieses Buch wurde allerdings schon 1971 gelegt, in der Beobachtung eines jungen Mannes, der mit leidendem Gesicht in offensichtlich neuen, drückenden Schuhen durch die Straßen humpelte. 1981 dann hat Genazino ein Stellenangebot als Schuhtester ausgeschnitten und eingeklebt, auf das er sich, allerdings erfolglos, beworben hat.

Und doch sind diese Aufzeichnungen mehr als nur Rohmaterial: Zwar ist vieles davon später in veränderter Form, teilweise aber auch wortwörtlich in die Romane und Essays eingeflossen. Doch man sollte sie als ganz eigenes Werk dieses großen Lebens- und Alltagsphilosophen lesen, als, wie es im Nachwort heißt, "einzigartige Chronik der Welt- und Selbstwahrnehmungen eines versierten, oft überempfindlichen Schriftstellers" - eines Autors, für den das Schreiben jenseits aller Neugier auf die physische Welt um ihn herum auch immer einem existenziellen Bedürfnis nach dem Metaphysischen entsprang.

"Ich erlaube mir, in der Literatur eine Form des Gebets zu sehen. Denken wir uns die Literatur als leidenschaftliche Einrede, von der nicht sicher ist, ob sie irgendjemand zur Kenntnis nimmt."