Irgendwann ist es genug. Irgendwann reißt auch dem bestsituierten Selfmademan angesichts der fortgesetzten Anpöbelung durch junge Streuner und Drogensüchtige auf den nächtlichen Straßen von Paris der Geduldsfaden. Dem smarten Film- und Fernsehmanager Benjamin Grossman wurde bei einer rüden Anrempelung das Handy gestohlen. Als Verdächtigen hat der Beraubte einen jungen Schwarzen im Kapuzenshirt verfolgt. Als der ausfallend wurde, hat er ihm kurzerhand einen Faustschlag versetzt, der den Migranten zu Boden gehen ließ.

Gewalt - das geht gar nicht. Das sagt sich Grossmann, kaum dass er zugeschlagen hat. Eilig hat er sich aus dem Staub gemacht. Am nächsten Morgen muss er erfahren, dass man den jungen Mann tot am Ufer des Seine-Kanals Saint-Martin gefunden hat. Eine junge Polizistin, die den Körper vorfand, hatte mit dem Fuß geprüft, ob noch Leben in ihm war.

Diesen respektlos wirkenden Fußtritt filmte eine Jugendliche und stellte die Sequenz, verkürzt um den Zusammenhang, kurzerhand ins Internet. Mit dem Ergebnis, dass diverse Aktivistengruppen, die ihren Hass auf staatliche Autoritäten bestätigt sahen, mit einem elektronischen Lauffeuer eine Empörung schürten, die zu einem verheerenden Aufstand im Quartier hochkochte.

Tote und Verwüstung

Das Bild dieser Gewaltexzesse, wie sie aus Fernsehberichten nicht nur aus Paris immer wieder sichtbar werden, ist in Négar Djavadis vielbeachtetem Roman "Die Arena" erschreckend wirklichkeitsnah gezeichnet: Vorwiegend arabische Jugendbanden rasten aus, das ganze Viertel brennt. Sprengsätze werden gezündet, Geschäfte geplündert, Autos gehen in Flammen auf. Eine Unschuldige wird zusammengeschlagen und stirbt. Weitere Tote und Verletzte bleiben auf der Strecke. Als Zündfunke erweist sich wie schon oft eine missbrauchte Religion, die von islamistischen Eiferern für ihren Hass auf den erfolgreichen Westen instrumentalisiert wird.

- © C.H. Beck
© C.H. Beck

Einen modernen Großstadtroman zu schreiben, ist eine stetige Versuchung für Literaten. Die 54-jährige Autorin Négar Djavadi, Französin mit iranischer Herkunft, hat die Herausforderung angenommen: Ihr zweites Prosawerk ist vor allem anderen ein hinreißend feinnerviges, detailreiches Erzählpanorama jener Seite von Paris, die vom Glanz der Stadt nichts abbekommt. Ein Epos über die Vielgestalt und Gefährdung im abgehängten Teil der französischen Metropole.

Als Elfjährige ist Négar Djavadi 1980 mit ihren Eltern aus dem Iran geflohen, auf abenteuerliche Weise, wie sie in ihrem Erstling "Desorientale" eindrucksvoll erzählt hat. Inzwischen hat sie sich in Frankreich erfolgreich als Drehbuchautorin etabliert. Diese Erfahrung merkt man dem aktuellen Roman auch an, im Aufbau, in der Textkomposition und in der Vielzahl der optischen Details.

Dabei kehrt die Verfasserin nicht die intellektuelle Besserwisserin hervor. Sie beschreibt erfahrungssatt die klaffenden Unterschiede zwischen den gutsituierten und den depravierten Schichten der Stadt, die heißlaufende Gewaltbereitschaft in den von islamistischen Migranten beherrschten Banlieues, die Ohnmacht von Politik und Polizei angesichts der via Soziale Medien verbreiteten Hetze von Gewaltagitatoren und Hasspredigern. Davon angestiftet und genährt von Frustration, entlädt sich die Jugendgewalt in Ausschreitungen, die sich in ihrer Häufung längst als Attacke auf die zivilen Lebensgrundlagen der Stadt Paris erweisen.

Erodierte Gesellschaft

Die Abkehr vom sozialen Zusammenhalt und die Etablierung eines hemmungslosen Gruppenegoismus, wie sie migrantische Parallelgesellschaften vieler Großstädte über Frankreich hinaus mittlerweile kennzeichnen, sind Alarmzeichen für den Verlust aller Formen öffentlicher Autorität. Das betrifft nicht nur Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehr, sondern sämtliche staatlichen Institutionen, wie Behörden, Schulen, Arbeits- und Gesundheitsämter.

Und die Politik? Djavadi attestiert ihr eine Flip-Flopper-Haltung, "angefangen beim Innenminister, der es eilig hat, die heiße Kartoffel der Verantwortung an die Bürgermeisterin von Paris weiterzureichen, die sie wiederum an ihn zurückreicht, um ihren Ruf als XXL-Verfechterin des Humanismus nicht zu beschmutzen".

Djavadis Resümee ist bitter, aber treffend: "Man kann nicht den Mythos von der bürgerlichen Stadt Paris nähren, diesem Juwel an Schönheit und Kultur, und sich weigern, zu sehen, dass die Infektion schon das gesamte Stadtgefüge erfasst hat." Ein Buch, das wachrüttelt.