Robert Walser, der 1878 in Biel geboren wurde und 1956 als Insasse einer Schweizer Heil- und Pflegeanstalt starb, war anders. Nämlich eine nach wie vor singuläre Gestalt, vielleicht sogar ein apokrypher Heiliger der Literaturgeschichte. So mutmaßte jedenfalls sein Verehrer W.G. Sebald, der Walser einen empathischen Essay widmete, in dem er den Schweizer Autor zu einer legendenhaften Figur stilisierte.

Zweifelsohne war Walser ein Meister im Kleinen, ein großer Schriftsteller, der nichts mehr wertschätzte als alles Geringfügige. Der Dichter des Diminutiven repräsentiert daher nicht weniger als das idealtypische Gegenstück zum Typus des Großschriftstellers und literarischen Giganten von Goethe bis Grass. Bezeichnend für das Profil des primär aus Prosa bestehenden Werkes von Walser sind daher seine Mikrogramme, also jene Werkphase von 1924 bis 1933, in der Walser seine Texte mit Bleistift in einer praktisch unlesbaren Minischrift verfasste, die jahrelang mühevoll entziffert werden musste.

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Diese editorische Kärrnerarbeit aber bereitete den Weg für eine Gesamtausgabe der Werke, die der Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit der Walser-Stiftung in Bern im Jahr 2018 begann. Als erste Etappe dazu erschien eine dreibändige Ausgabe aller Briefe Walsers als biografische Quelle. Ab 2020 folgten die literarischen Schriften in schöner Ausstattung. Walser nicht als literarisches Monument zu präsentieren, sondern in übersichtlichen, hervorragend edierten und kommentierten Bänden preiswert zugänglich zu machen, das ermöglicht nicht weniger, als den Schriftsteller in seiner ganzen Breite wie beachtlichen Tiefe kennenzulernen.

Im dem Erzählungsband "Seeland" sind nun sechs längere Texte versammelt, die von 1915 bis 1917 in Walsers Vaterstadt Biel entstanden, in die der Autor nach seinen Berliner Jahren zurückgekehrt war. Der Titel verweist auf die thematische Klammer der Texte, die alle im Schweizer Seeland in der Umgebung von Biel spielen. Eröffnet wird der Band durch die Erzählung "Leben eines Malers", die so unverhohlen wie frei Walsers Malerbruder Karl als Modell nahm und eine ganze Reihe von dessen Bildern blumig beschreibt, was der Künstler freilich mehr als Rufschädigung denn als brüderliche Hommage verstand.

"Das Bild des Vaters" bezieht sich ebenso semi-autobiografisch auf die Familie Walsers: Am Totenbett ihres Vaters versammeln sich die Geschwister und halten allerlei Lobreden auf das verblichene Familienoberhaupt. In "Hans" wiederum sitzt die Erzählfigur am Ufer des Bielersees und denkt an die Gestalt des Vaters, um am Ende als Soldat in den Militärdienst einzurücken, wodurch der Schatten des Ersten Weltkriegs auf das friedliche Seeland fällt. Kerntext des Bandes aber ist die Erzählung "Der Spaziergang", in der Walser sein exaltiertes literarisches Talent exemplarisch vorführt - ein Meisterwerk deutscher Prosa.

Im Nachwort gelingt es Bernhard Malkmus, in bemerkenswert jargonarmer Sprache in die Grundzüge von Walsers entschleunigter Naturästhetik im Spannungsfeld der Moderne einzuführen. Walser war aber ebenso ein Dichter des Urbanen - und vieles mehr. Kein Heiliger, da übertreibt Sebald, aber einer der bemerkenswertesten Autoren deutscher Sprache.