Der zentrale Satz dieses Buches, das wie kaum ein zweites in letzter Zeit für große Aufmerksamkeit in allen großen (und auch kleineren) deutschsprachigen Medien gesorgt hat, findet sich weit hinten, auf den letzten Seiten. Da schreibt Arno Geiger: "Meine Bücher habe ich später ebenfalls so angelegt: Mach, was die andern unterlassen." Er bezieht sich dabei auf die exzeptionelle Kunst der französische Filmemacherin Agnès Varda, "die Schutzheilige der Abfallsammler".

Was macht Arno Geiger also anders als die andern (Schriftsteller, darf man hier ruhig ergänzen)? Er erzählt von einem Geheimnis, noch dazu einem glücklichen, wiewohl das Wort meistens mit Dunkelheit assoziiert wird, wie er an anderer Stelle treffend anmerkt; und zwar einem lange Zeit gehüteten Geheimnis, das er nunmehr lüftet. Es handelt sich dabei um ein Doppelleben, das er führt: "Hier das Leben als öffentliche Person. Dort das Leben als Lumpensammler in den Straßen Wiens."

Lumpensammler bedeutet in diesem Zusammenhang hauptsächlich das Eintauchen in und das Durchforsten von Altpapiercontainern, aus welchen der in Vorarlberg geborene und dort und in Wien lebende Autor Bücher, Briefe und sonstige Konvolute an Weggeworfenem birgt, aussortiert und teils mit nach Hause schleppt. Es sind frühmorgendliche Rituale und Runden, die er mit dem Fahrrad unternimmt - in regelmäßiger Folge, meistens an Montagen, über viele Jahre hinweg. Dabei kommt vieles zusammen, was er in seiner kleinen Wiener Wohnung hortet, auswertet, d.h. liest, und dann zumeist wieder dem Abfall überantwortet.

Eine Art von papierenem Kreislauf. Und dieses Geheimnis, von dem niemand weiß außer Geigers Frau K., die in dem Buch - sowie in des Autors Leben - eine wichtige, ja eminente Rolle spielt, sei eine der Hauptquellen seines Schreibens, behauptet Geiger. Denn er habe aus dem zufällig Vorgefundenen, vor allem den privaten Briefen ihm fremder Personen, seinen schnörkellosen, exakten, weitgehend den Tatsachen und der aufmerksamen Beschreibung des Gegebenen verpflichteten Stil entwickelt.

Wo andere gerne selbst Erlebtes und Erfundenes vermischen, was dann oft als Autofiktion bezeichnet wird und ein eigenes, vor allem in Frankreich erfolgreiches Genre begründete, da pocht Geiger auf durchgängige Authentizität in dem zumindest diesmal Aufgeschriebenen, so sehr er, als gewiefter Literat, natürlich um die fragilen, mitunter zwiespältigen Zusammenhänge von Erlebtem und Erzähltem weiß. Man kann und darf sich freilich schon die Frage stellen, ob man ihm das alles auch wirklich glauben muss.

Da ihn (vermutlich) niemand bei seinen Touren je gesehen hat: Was, wenn er diese - und das sie bergende Geheimnis - nur erfunden hat, um (s)einer Autobiographie einen spannenderen Rahmen zu verleihen und somit das Leben als Schriftsteller, Sohn, Liebhaber und Ehemann - worum es in diesem Buch über weite Strecken auch geht - interessanter erscheinen zu lassen?

Ein paar Belege dafür könnte man schon finden. Immerhin hat Geiger als erfolgreicher Roman-cier sein Geschick im Erfinden von Lebensläufen schon mehrfach bewiesen. Und das Imaginieren ist ihm, wie er in "Das glückliche Geheimnis" selbst behauptet, von Kindheit an ein besonderes Anliegen - in fast wörtlichem Sinne: "Schon vom Schulweg bin ich ständig abgewichen und habe mich mit einem aufgelesenen Zigarettenstummel hinter ein Gebüsch gelegt. An dem kalten Stummel saugend, imaginierte ich ein anderes Leben als das des Grundschülers." Und an anderer Stelle heißt es: "Ich kann über das eigene Leben nur schreiben, indem ich es verfälsche."

Würde das, wenn dem so wäre - er also das Leben mit Vorgefundenem verfälscht, sprich: erfunden hätte -, etwas an dieser Literatur und dem Urteil darüber ändern?

Einerseits ja: Man müsste ihn dann wohl für einen extrem gefinkelten, nachgerade gerissenen Autor halten, der eine doppelbödige Art von Literatur betriebe, in welcher man in schwer postmoderner Manier nichts für gegeben halten dürfte, und in der alles ein selbstreferenzielles Spiel wäre. Ein Bild, das so gar nicht zum sehr gestandenen alemannischen Autor passt, der ja bei aller Schlitzohrigkeit, die er sich selbst gerne zuschreibt, doch als ein absolut zuverlässiger, gewissenhafter und skrupulöser Schriftsteller erscheint.

Andererseits nein: Denn am literarischen Gehalt und an der Gelungenheit dieses erzählerischen Werkes würde es rein gar nichts ändern, wäre es "nur" ein Geschöpf der Phantasie. Aber wir glauben ihm lieber, denn es spricht im ganz eigentlichen Sinne sehr viel mehr dafür, dass Arno Geiger hier aus Versatzstücken des eigenen Lebens eine höchst dringliche - und sehr lesbare - Form von Literatur destilliert hat.

Vertrauenswürdigkeit

Immerhin heißt es auch: "Ich mag meine Bücher (...), sie sind aus nichts anderem hervorgegangen als meinem Leben". Und: "Mir ist klar, ein Buch über mich selbst, das ist schwierig, schwieriger als ein Roman. (...) Ich bemühe mich um Aufrichtigkeit (...) Die Herausforderung besteht wohl darin, das Selbsterlebte so zu transformieren, dass mehr herauskommt als ,nur‘ etwas in den eigenen Augen Aufrichtiges (...) durch Vertrauenswürdigkeit auf tieferer Ebene."

Taucht nicht nur in Papiertonnen, sondern auch in Menschenmengen ein, wie hier bei der Buchmesse in Wien 2015: Arno Geiger. 
- © Karl Schöndorfer / picturedesk.com

Taucht nicht nur in Papiertonnen, sondern auch in Menschenmengen ein, wie hier bei der Buchmesse in Wien 2015: Arno Geiger.

- © Karl Schöndorfer / picturedesk.com

Wer sich solch aufrichtige Gedanken über das eigene Schreiben macht - und nicht nur über dieses, das Buch enthält auch kluge und ausgereifte Passagen über das Schreiben an sich, über Autoren wie Philipp Roth oder William Gaddis, und darüber, wie schal Literatur wird, wenn ihr das Leben buchstäblich ausgeht -, wer also derart kundig über das eigene Metier nachzudenken versteht, dem vertraut man tatsächlich auf einer meinetwegen auch tieferen Ebene.

Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass man das erzählte und somit enthüllte "Geheimnis", also all die Berichte und Reflexionen über die Abfalltouren und das nicht vorhandene Ansehen eines Außenseiters ("...wer kein Ansehen hat, der ist unsichtbar"), nicht trotzdem für den schwächeren Teil des Buches halten darf. Und eben doch für eine Art von konstruktivem Rahmen für das wirklich Gewichtige und intensiv Durchlebte und Durchlittene, von dem Geiger auch erzählt. Etwa was der Erfolg als Schriftsteller, der im Wesentlichen mit dem Roman "Es geht uns gut" und dem dafür verliehenen Deutschen Buchpreis (2005) eintrat, mit und aus ihm gemacht hat.

Eine andere Art von Doppelexistenz ist entstanden - mit einer zunehmend äußerlichen Hülle als Erfolgsautor mit medialer Dauerpräsenz und einer Ochsentour durch Literaturhäuser und Buchhandlungen. Und einer vom Schreiben und sonstigen mentalen Selbstvergewisserungen zunehmend entleerten Existenz mit allen ihren körperlichen Begleiterscheinungen wie Schlaflosigkeit und Ängsten. Oder die Schilderungen von frühem Liebes- und Beziehungsleid, mit einigen exzessiven Phasen, die in eine solide Partnerschaft mit Ehefrau K(atrin) gemündet sind, auf die und ihre gemeinsame, aus viel Gewirr herausgewachsene Beziehung Geiger ein wahres Loblied singt.

Aber vor allem sind es einmal mehr die eindringlichen Berichte vom Dahindämmern der Eltern, wie man sie schon aus Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil" (2011, das sich über eine halbe Million Mal verkauft hat!) kennt. Diesmal erfährt man neben dem Schicksal des dementen Vaters auch von der Hinfälligkeit der Mutter, einer ehemaligen Lehrerin und Wortbesessenen, der im relativ frühen Alter, als Folge eines Schlaganfalls, genau diese Worte abhandenkommen. Eine nicht nur für Schriftsteller bedrohliche Vorstellung und Erschütterung: "Es war beklemmend, auf so brutale Art daran erinnert zu werden, dass wir nur ein Gelegenheitsbündnis mit der Sprache eingehen und dass dieses ohnehin unzuverlässige Bündnis von heute auf morgen einseitig gekündigt werden kann."

Abfall im Zeitenwandel

All das erscheint - zumindest dem Rezensenten - existenziell, doch um einiges gehaltvoller als die zweifellos klugen Bemerkungen über Papierabfall im Wandel der Zeiten (immer weniger Briefe, immer mehr Pizzakartons...) und über die Vorzüge gängiger Fahrräder gegenüber E-Bikes ("... ich mag es, wenn ich ausgepowert bin"). Und wenn man knapp vor Ende der Lektüre die komplette Absenz gegenwärtiger Krisen (kein Corona, kein Klimawandel, kein Ukrainekrieg) als einen weiteren Pluspunkt hinzufügen will, kommt dann plötzlich doch noch eine kleine Eloge auf die kleine Person mit den Zöpfen daher.

Und nicht genug damit, folgt dem Lob der Greta Thunberg auch noch ein Absatz mit aufgesetzt Bedenkenswertem zum Zustand der Welt und dem "hohen Output an Spätfolgen". Wie leider der gesamte Schluss des Buches, mit teils erstaunlich gewundenen Erklärungen, warum das glückliche Geheimnis nun doch gelüftet werden musste ("Der dunkle Deckmantel meines Doppellebens liegt am Boden"), dem guten Gesamteindruck einen kleinen Dämpfer versetzt, was auch das finale Eingeständnis - "...natürlich weiß ich, dass es elegantere Arten gibt, ein Buch zu beenden" - nicht wirklich besser macht (denn wa-rum diese Erkenntnis dann nicht umsetzen?).

Aber all das reicht bei weitem nicht aus, das Buch jenem Schicksal vieler seiner Artgenossen zuzuführen, dem es seine eigene Entstehung verdankt: Es in die Tonne zu werfen.