Ulrike Lunaceks Buch "Zwei grüne Leben" erzählt von einem großen Vater und seiner besonderen Tochter. Heinrich Lunacek (1927 bis 2013) war ein stattlicher und eleganter Herr, ein Manager und Sir mit Handschlagqualität. Meine Erinnerungen an diesen großzügigen, wohlwollenden Förderer der Universität für Bodenkultur sind von bleibender Dauer. Die Chemie stimmte sofort. Er lächelte, und ich war gleich gut aufgelegt. Er brachte mich mit Raiffeisen-Generalanwalt Rudolf Rasser zusammen. Auch hier stimmte die Chemie. Von beiden habe ich als junger Boku-Rektor viel gelernt. Auch Weine und Zigarren.

Lunacek war Vorsitzender des 1975 gegründeten Vereins der Freunde der Universität für Bodenkultur. Er war Absolvent der Boku und hat das nie vergessen. Seine Tochter Ulrike (Jahrgang 1957), langjährige Grünen-Politikerin und 2014 bis 2017 Vizepräsidentin des EU-Parlaments, erzählt in ihrem Buch von der Milch- und Landwirtschaft der 1950er bis Anfang der 1990er Jahre. Es ist auch eine Hommage an ihre Eltern. "Als Dank für alles, was sie mir und meinem Bruder ins Leben mitgegeben haben." Und es ist auch ein Beitrag zur Zeitgeschichte, weil es viel über den "grünen Riesen" Raiffeisen erzählt, wovon man manches vergessen hat oder nicht weiß.

Molkereien und Raiffeisen

Ulrike Lunacek: "Zwei grüne Leben" (Kremayr & Scheriau; 208 Seiten; 24 Euro)
Ulrike Lunacek: "Zwei grüne Leben" (Kremayr & Scheriau; 208 Seiten; 24 Euro)

So erfährt man viel über Land und Leute der Zweiten Republik, vor allem über jenen Teil der Raiffeisen-Organisation, der Ware heißt. Hier wuchs Ulrike Lunacek auf: erst in den Molkereien Gföhl im Waldviertel, Amstetten im Mostviertel und NÖM AG mit Sitz in Baden bei Wien; und dann ab 1975 - als sie das Elternhaus verließ und zum Studium nach Innsbruck ging - im Verband ländlicher Genossenschaften in Niederösterreich sowie in der Österreichischen Raiffeisen Warenzentrale ÖRWZ in Wien.

Milch war der weiße Zauberstoff, nicht nur für "Milchkinder". Ulrike Lunacek erfuhr alles darüber, ihr junges Leben spielte sich zwischen Fru Fru, nöm mix, Käse und Lagerhaus ab. Sie erzählt von der Welt der Milch- und Landwirtschaft vor dem EU-Beitritt 1995, über die man heute weniger weiß als über die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Vater und Tochter glaubten an sehr unterschiedliche, mit der Farbe Grün verbundene Themen: Heinrich Lunacek an die "grüne Revolution" ("mit Pestiziden und Kunstdünger schaffen wir den Hunger in der Welt ab") und den "grünen Riesen" Raiffeisen, Ulrike Lunacek an gesellschaftspolitische Werte, Programme und die Arbeit der Grünen. Bei allen Auseinandersetzungen zwischen ihnen ist das verständnisvolle, großzügige, lernende Verhältnis von Vater und Tochter zu bewundern, wobei Mutter Elisabeth Lunacek für Eintracht sorgte - ein humanistisches Bild einer Familie.

Große Auseinandersetzungen der damaligen Zeit musste Ulrike Lunacek selbst nachrecherchieren, da ihr Vater darüber schwieg. Sie berichtet von Heinrich Lunaceks PR-Beraterin Marlene Streeruwitz, vom Kampf um die höchsten Positionen in der Raiffeisen-Organisation, insbesondere den Generalanwalt, zu dem er 1988 nicht wie erhofft gewählt wurde, und von der großen Aufwertung von Geld gegenüber Ware.

Ununterbrochen lernen

Ulrike Lunacek spiegelt sich in der umfassenden und spannender Darstellung ihres Vaters. Sie hat von ihm gelernt, ununterbrochen zu lernen. Und wenn sie von etwas überzeugt ist, dann tut sie alles zu dessen Umsetzung. Sie war früh selbständig und unabhängig. Viele Auslandsaufenthalte prägten ihre Weltanschauung. Sie wurde Dolmetscherin für Englisch und Spanisch und ist langjährige feministische, entwicklungspolitische und LGBTIQ-Aktivistin.

Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten lernte sie in vielen Regionen der Welt persönlich kennen und engagierte sich im Kampf dagegen. Ihr kritisches Engagement brachte sie auch in die grüne Bewegung ein. Und sie verstand ihren Vater als Lernenden und ist überzeugt: "Klimaschutz würde wohl heute auch bei ihm höchste Priorität haben. Er hätte als guter Manager, der weit in die Zukunft schaut und gelernt hat, die Folgen seiner Entscheidung abzuschätzen, versucht, die Bauern und die Agrarpolitiker von der Notwendigkeit der Umsetzung des ‚European Green Deal‘ zu überzeugen."

Lunaceks Buch strahlt Optimismus und Lebensfreude aus. Diese waren bei den Lunaceks zuhause. Beide grünen Leben haben einiges gemeinsam. Imponierend, wie die Tochter als Lesbe und Grüne geradlinig ihren Weg fand; imponierend, wie ihr Vater aufrecht und offen seinen Weg ging; imponierend, wie sie beide als Menschen zueinanderfanden.