Sieh einmal, hier steht er, / Pfui!, der Struwwelpeter. / Selbst auf Facebook rappelt er ‘rum, / regt sich jeder auf darum.

Wie immer, und jüngst gerade wieder. "Schwarze Pädagogik" seien Heinrich Hoffmanns Versgeschichten, "grausam" und "Kindern absolut unzumutbar"; andere Urteile lauten: "brillant", "selten so gelacht". Und viele Erwachsene erinnern sich, dass das Buch in ihrer Kindheit als einen Spaß empfunden hätten und gar nicht als grausam. In Kinderseelen glimmt ja oft ein anarchischer Funke, ehe sie zu stromlinienförmig naserümpfenden Erwachsenen werden.

Dass ein Buch aus dem Jahr 1844, ein Kinderbuch zumal, heute noch dermaßen polarisiert - das gibt’s auch kein zweites Mal.

Andererseits: Kinderliteratur und Grausamkeit - welch ein Thema! Müssen Kinderbücher Hascherlgeschichten sein? Die Frage wird wohl nie geklärt werden. Denn letzten Endes sind es Bücher, die von Erwachsenen geschrieben werden, und über diese Bücher diskutieren Erwachsene und fällen, ja, gewiss, auch Geschmacksurteile. Wie erwachsen die sind, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Ironie und Übertreibung

Dennoch sind die Einwände zu bedenken. Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber etwa meint, Kinder könnten kaum "eine notwendige Distanz zu Hoffmanns stark übertriebener verbaler und visueller Ironie herstellen. Psychisch verletzliche Kinder könnten von dieser "Überflutung durch archaische Konflikte" Traumatisierungen davontragen, schrieb sie im Wissenschaftsmagazin "Forschung Frankfurt".

Das Problem liegt auf der Hand: Das Urteil auf kinderpsychologischer Seite fällt zwangsläufig anders aus als das der Literaturliebhaber, die sich nicht von Fachleuten anderer Disziplinen ihren Lesegenuss verderben lassen wollen.

Wie kindergerechte Literatur sein soll, erklären Expertinnen auf der Seite von Alster-Kind so: "Ein gutes Kinderbuch sollte Dinge zum Entdecken bieten", meint Friederike Wehse ("Moses. Verlag"); "ein Kinderbuch-Held soll auch Ecken und Kanten haben", fordern Carolina Bosch und Sarah-Lisa Grundmann (J.P. Bachem Verlag); "Kinderbücher sollten nicht zu pädagogisch daherkommen", ist die Überzeugung von Susanne Krebs (Randomhouse), und die Autorin und Schreibtrainerin Anette Huesmann, konstatiert, es stünden "fantasievolle Erzählungen hoch im Kurs: sprechende Tiere, Fantasiewesen, Kinder mit übernatürlichen Fähigkeiten"; alle stimmen sie darin überein, dass die Geschichten Werte vermitteln sollen.

Aber macht das nicht gerade der "Struwwelpeter"? Etwa, wenn Friederich Tiere quält und die Folgen zu spüren bekommt? Oder Buben einen Schwarzen verspotten und deshalb zur Rechenschaft gezogen werden?

Es geht freilich um die Augenhöhe. Sie ist der Knackpunkt.

Konzentriert man sich auf die Kinderliteratur-Klassiker, die in einer Zeit vor den kinderpsychologischen Rezeptbüchern und kinderbuchverlegerischen Richtlinien für politische Korrektheit verfasst wurden, kommt man zum Schluss, dass die Romane Erich Kästners mit ihren überraschenden Handlungen ziemlich genau den späteren Maximen entsprechen. Lewis Carroll ("Alice") und Hugh Lofting ("Dr. Dolittle") passen zur Forderung nach purzelbaumschlagender Fantasie. Das wissen oder wussten auch J. K. Rowling, Christine Nöstlinger, Käthe Recheis und natürlich der große, wahrlich geniale Ottfried Preußler. Auf Roald Dahls Kinderbücher trifft es zu und auf diversen Märchen- und Sagensammlungen (man braucht ja den Kindern nicht gerade "Herr Korbes" vorzusetzen). Rudyard Kiplings "Genau so"-Geschichten sind ideal, seine herrlichen "Dschungelbücher" aber weniger geeignet, denn deren Gesetze einer Natur des Fressens-und-gefressen-Werdens schockiert selbst manch einen Erwachsenen.

Verbrechen und Strafe

Diese Tugenden der Wertevermittlung durch überbordend fantasievolle Geschichten besitzt auch der "Struwwelpeter". Nur eine Tugend, ausgerechnet die wesentliche, fehlt ihm: die Augenhöhe. In seinem Fall wäre sie nur gegeben, würden die Eltern ihren Kindern erklären können, was man unter Ironie versteht. Der "Struwwelpeter" nämlich ist ein Kompendium von Verbrechen und einer aus dem Vergehen resultierenden Strafe, wobei die Vergehen aus dem kindlichen Alltag Mitte des 19. Jahrhunderts gespeist sind, während die Strafen sich in skurrilen Übertreibungen ergehen. Das sind die irren Träume genervter Eltern, was sie mit ihren nervenden Kindern gerne anstellen würden, es aber nicht einmal zu denken wagen.

Sollte der "Struwwelpeter" dadurch aber am Ende gar ein Vorbote des Surrealismus sein?

"lerne was, / so hast du was. / kauf dir drum / ein tintenfaß, / füll die feder / dann darin, / nimm papier, / schärf deinen sinn. / schreibe nicht / ein licht gedicht, / weiß schreibt nur / der böse wicht. / krauchen solls / durch blut und bein / bis ins herzens / kämmerlein."

Wer solch lehrhafte - vorgebliche - Kinderverse verspricht, ist H.C. Artmann in "allerleihrausch". Das Gedicht könnte auch das poetische Vorwort zum "Struwwelpeter" sein.

"Struwwelpeter"-Nachfolger gab es bis ins 21. Jahrhundert, etliche, ernst gemeinte, satirische, Imitationen, Parodien, etwa "Struwelliese" (1890) von Julius Lütje, "Der Struwwelpeter von heute" (1914) von Fried Stern, "So ein Struwwelpeter" (1970) von Hans Georg Stengel, "Der Cyber-Peter" (2013) von Klaus Günterberg. Sogar einen "Struwwelhitler" gab’s: "A Nazi Story Book by Doktor Schrecklichkeit" von Robert und Philip Spence, erschienen in Großbritannien im Jahr 1941. Doch das waren alles direkte Folgen von Hoffmanns Original.

Das alte Buch neu lesen

Was Artmann dichtete, war indessen weder Imitation noch Variation, es war eine Transformation. Jetzt sind es Dracula und Batman, die sich ein Stelldichein geben, Robinson als Menschenfresser stößt dazu, Mariechen rasiert sich die Beine, die sie kurz darauf verliert, und im Haus tanzt ein Mi-Ma-Monsterchen. Vor allem beim lauten Lesen klingt immer der "Struwwelpeter" als Grundton mit.

Wenn aber Artmann, der große surrealistische Maskenspieler, aus dem alten "Struwwelpeter" neue Funken schlägt, heißt das, der "Struwwelpeter" will neu gelesen werden. Nicht als Kinderbuch soll man ihn lesen, nicht als Diagnostik von ADHS, die Hoffmann, hauptberuflich Psychiater, im "Zappelphilipp" versifiziert hat, sondern als surrealistische Dichtung mit Ausflügen in die Satire. Dem Daumenlutscher Konrad schneidet der Schneider die Daumen ab. Der Schneider, das ist die staatliche Zensur, die Autoren zurechtschnippelt, dass sie sich ja nie wieder Unbotmäßigkeiten aus den Fingern saugen. Satire belehrt. Ganz, wie es bei Artmann steht: "lerne was / so hast du was."

Im konkreten Fall ein blitzgescheites Lesevergnügen. Am besten genießt man es als Erwachsener.