Was für ein zauberhafter Schriftsteller Robert Louis Stevenson doch ist! Jeder weiß es, denn jeder hat in seiner Jugend die "Schatzinsel" gelesen, und fast jeder "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Doch niemand, zumindest bis jetzt, kennt Stevensons erstes Buch, "An Inland Voyage" von 1878, das nun unter dem Titel "Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung" auf Deutsch erschienen ist (Übers. und hrsg. von Alexander Pechmann, Aufbau Verlag, Berlin 2011, 173 Seiten).

Es ist eher ein Büchlein, und in Bezug auf dessen zukünftige Verbreitung hegte der Autor selbst Zweifel, die er im Vorwort zur Sprache bringt, und zwar so kokett, dass man sich zum Zitieren förmlich gezwungen sieht: "Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich kaum die Druckfahnen dieses kleinen Buches überarbeitet, als ich von einer beunruhigenden Erkenntnis erfasst wurde. Mir kam plötzlich in den Sinn, dass ich nicht nur der Erste war, der diese Seiten las, sondern womöglich auch der Letzte."

Stevenson erzählt, wie er mit einem Freund zusammen eine längere Fahrt im Ruderboot unternimmt, und zwar von Antwerpen quer durch Belgien und das nördliche Frankreich, auf allerlei Kanälen und Flüsschen bis Pontoise, ein Stück flussabwärts von Paris. Man trifft auf allerlei Leute, denen eines gemeinsam ist: das Staunen über die zwei merkwürdigen Gesellen, die da überraschend auftauchen, an Land gehen und - noch merkwürdiger - ein standesgemäßes Hotel suchen, obwohl sie gar nicht standesgemäß aussehen und es überdies ein solches Hotel weit und breit nicht gibt.

Wir befinden uns in den Kinderjahren des Individualtourismus, und die Infrastruktur ist selbst mitten in Europa über weite Strecken so schlecht, naja, genauso schlecht wie heute, wenn man sich einmal abseits der ausgetretenen Touristenpfade bewegt. Und das Wetter: Es ist teils gut, teils schlecht, und dann wird es sehr schlecht: "Wir hatten nun in Bezug auf das Wetter einen Grad an Demut erreicht, den man außerhalb der schottischen Highlands selten erlebt."

Mit einem Wort, all die Ur-Erlebnisse des Reisenden kommen hier vor: das Herbergsuchen, der Schock beim Anblick von Ungenießbarem, die Wonnen einfacher Genüsse, wenn man hungrig ist, das Staunen über die vielen kleinen Welten, die man im Vorüberfahren nur aus dem Augenwinkel wahrnimmt, mitsamt ihren Bewohnern, oder das Glück, für einen Abend eine neue kleine Heimat gefunden zu haben - und am nächsten Morgen ist man dann froh, dass man weiter muss.

Zeitweise vergisst man förmlich, dass man selbst eine Heimat hat, in die man zurückkehren wird, mit allen Beschwernissen, doch auch glückhaften Geborgenheit. Und am Ende gibt es diese Mischung aus Erleichterung, dass man es geschafft hat, und Bedauern, dass es vorbei ist, man am Ziel der Reise angelangt ist.

Während man Stevensons Bericht liest, fallen einem in bunter Reihenfolge eigene Reisegeschichten ein, vor allem von den ersten Reisen, als man noch jene Offenheit gegenüber der Welt besaß, die man nach einer gewissen Gewöhnung an das Fremde kaum je wiedererlangt. Bei Stevenson gibt es sie, diese Offenheit, nicht zuletzt dank seiner Landschaftsbeschreibungen, die sich so lesen, als hätte niemand zuvor je eine Landschaft beschrieben.

Am Ende ist das Reisen ja nichts anderes als ein Sinnbild für unser Leben. Unnachahmlich versteht es Stevenson, uns das Gefühl für die Unwiederbringlichekeit des Augenblicks zu vermitteln. "Gegen Nachmittag wurden wir von dem Sonnenschein und der belebenden Geschwindigkeit geradezu trunken. (. . .) Die Kanus waren zu klein für uns, wir mussten hinaus und uns am Ufer ausstrecken. Und so machten wir es uns auf einer grünen Wiese bequem, rauchten göttlichen Tabak und erklärten die Welt für wunderbar."

Robert Louis Stevenson: Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung. Übers. und hrsg. von Alexander Pechmann, Aufbau Verlag, Berlin 2011, 173 Seiten.

Walter Klier,geb. 1955, lebt als Schriftsteller in Innsbruck.