Politischer Islam: Aufmarsch für Gaza in Wien. Foto: Beig
Politischer Islam: Aufmarsch für Gaza in Wien. Foto: Beig

Manches darin ist brisant: Die Ausrichtung der medial stark präsenten "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen", der auch der Wiener Landtagsabgeordnete Omar al Rawi (SPÖ) angehört, sehen die Autoren im Bereich konservativer Reformer der Muslimbruderschaft, der größten Gruppe des politischen Islam, deren bekanntester Zweig die Hamas in Palästina ist.

Vernetzte Muslimbrüder

Als "einflussreichstes islamisches Sprachrohr mit arabisch-sunnitischem Hintergrund in Österreich" wird die Wiener "Liga Kultur" bezeichnet. Anti-israelische Stellungnahmen und das Eintreten für eine "getrennte islamische Infrastruktur" seien für den Verein charakteristisch. Die "Liga Kultur" ist Mitglied der "Föderation Islamischer Organisationen in Europa", eines Dachverbands von Gruppierungen, die der Muslimbruderschaft zugerechnet werden. Auffallend ist, dass Vorstandsmitglieder auch hohe Stellungen in der offiziellen "Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich" (IGGiÖ) innehaben. Ob die "Liga Kultur" tatsächlich die österreichische Muslimbruderschaft ist, bleibt offen.

Weitere Kontakte unterhält die Liga Kultur zu zwei palästinensischen Vereinen, gegen die die Staatsanwaltschaft Wien wegen des Verdachts, Spendengelder an die Hamas überwiesen zu haben, ermittelte. 2007 sorgte die Anwesenheit von Vereinsmitgliedern beim Fastenbrechen mit Bundespräsident Heinz Fischer für medialen Wirbel.

Auch Vereinigungen mit türkischem Migrationshintergrund werden aufgelistet, etwa die "Islamische Föderation", die an die vom Verfassungsschutz beobachtete deutsche Schwesterngemeinschaft "Milli Görüs" angeschlossen ist. Funktionäre der Föderation beteiligten sich auch maßgeblich an der Gründung eines Gymnasiums in Wien.

Neben bosnischen, schiitischen, afghanischen oder mehrheitsösterreichischen Gruppen wird auch der österreichische "Sonderfall", die IGGiÖ, unter die Lupe genommen. Im Gegensatz zu Rest-Europa besitzt Österreich mit der IGGiÖ eine Institution, die alle Muslime vertritt. Das Buch spart nicht mit Kritik an undemokratischen Strukturen und Ansichten einzelner Personen im Lehrkörper. Es wird deutlich: Das österreichische "Erfolgsmodell" wirft Fragen auf.

Mehrmals wird betont, nur eine Minderheit von Österreichs Muslimen gehöre zum politischen Islam. Keine der genannten Vereinigungen sei repräsentativ für die Mehrheit. Erfreulich ist dabei, dass viele Buch-Autoren selbst dem Islam angehören. Das Buch liefert sprachliche Differenzierungen: Als "politischer Islam" wird das Streben nach Islamisierung von Gesellschaft und Politik bezeichnet, als "reformistisch" der Versuch, dies auf legalem Weg zu erreichen, "revolutionär" sei hingegen der Bruch mit der politischen Ordnung und "terroristisch" die Unterstützung von Gewalt gegen Zivilisten.

In Summe ein gelungenes Werk, das erstmals eine umfassende, wenn auch nicht vollständige Darstellung der österreichischen politisch-islamischen Szene liefert. Eigentlich könnte man sich vom Verfassungsschutz einen ähnlich detaillierten Bericht erwarten.

Auf weitergehende Analysen wird leider verzichtet, auch auf Personen- und Sachregister sowie ein ausführliches Inhaltsverzeichnis. Für Wissenschafter, Journalisten, Personen in staatlichen Behörden oder Interessierte ist das Buch sicher Pflichtlektüre.

Dunja Larise, Thomas Schmidinger (Hg.): Zwischen Gottesstaat und Demokratie: Handbuch des politischen Islam. Deuticke im Zsolnay Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro.