Die Parabel, sei´s in der Funktion als Kegelschnitt oder in der Bedeutung einer kurzen lehrhaften Erzählung, ist für die Facebookgeneration gewiss ebenso unbedeutend, wie das elegante, stilsichere und anschauliche Deutsch des Alfred J. Noll untypisch ist für das Sprachniveau von Menschen in juristischen Berufen.
Der in Wien lebende Rechtsanwalt und Dozent (vornehmlich auf den Gebieten Urheber- und Medienrecht sowie Kunstrestitution) macht sich auf packende, durchaus professionelle Art (welche die Schreibweisen so mancher angeblicher Berufsautoren als Amateurarbeiten erscheinen lässt) Gedanken über die Grundsätze des gesetzten Rechts und die existenziellen (Hinter- wie Ab-)Gründe des Rechtsstaats.
Ein ehrlicher, einfacher, nüchterner Jurist verhält sich zu der für ihn maßgeblichen Gesetzesordnung wie ein gleichgesinnter Gläubiger zum Dekalog: daran ist nicht zu rütteln, daran muss geglaubt werden, sonst bräche ja das Chaos aus . . . Wenn´s nur immer so einfach wäre! Die menschlichen wie die göttlichen Verhaltensrichtlinien müssen nämlich von Fall zu Fall interpretiert werden, und selbst der nüchternste Jurist gerät bisweilen in die Lage, hinter den Buchstaben die Absicht oder den Willen des Gesetzgebers ergründen zu sollen.
Dabei kommt er vielleicht ins Grübeln, ins Fragen, ins Hinterfragen, ins Zweifeln, möglicherweise sogar zu denselben Einsichten und Schlüssen wie einer der beiden Protagonisten in Nolls Parabel: "Immerzu fragte er nach Sinn und Zweck der geltenden Bestimmungen, wies auf die stete Veränderung des Rechts hin. So, wie es jetzt sei, müsse es doch nicht bleiben, meinte er, der Rechtsbruch sei der Motor einer jeden Rechtsentwicklung! Unentwegt prüfte er, wem das Gesetz nütze und wem es schade." Kurzum, er achtete zwar Recht und Gesetz - "aber nur bis zu einem bestimmten Punkt".
Dieser so einsichtige und einsichtsreiche Jurist ist einer der beiden idealtypischen Charaktere, die ob ihrer Gegensätzlichkeiten von einander angetan sind, und an Hand derer der literarisch versierte Autor sein Gleichnis vom Wesen und vom Wert des Rechts erzählt. Dieser Jurist ist Dr. Isidor Hoffer, ein berühmter Wiener Rechtsanwalt der Zwischenkriegszeit, ein reicher Jude (aus dem Familienerbe wuchsen ihm eine Fabrik, Hotels und Wälder zu), ein stattlicher, freundlicher, charmanter, eleganter, kenntnisreicher, gebildeter, verständiger, nobler Mann, der stets "von seiner Sache überzeugt" ist und der es blendend (?!) versteht, sich Menschen gefällig zu machen.
Sein Dialog- und gewisserweise auch Lebenspartner ist Dr. Rudolf Kannitz, von Geburt aus "arm und ein Niemand" und sich dessen bewusst, "Hoffer unterlegen" zu sein; auch er ein Jurist, der aber nur über "die zur Dienstverrichtung notwenigen Kenntnisse" verfügt, erst im Wiener Magistrat angestellt, später bis zum Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofs aufsteigend.
Als Kannitz schon in Pension ist, tritt Hoffer im Herbst 1937 an ihn mit dem Ansinnen heran, "alle seine Vermögenswerte zu übernehmen" und treuhändisch bis zu seiner Rückkehr zu bewahren - denn Hoffer ahnt das nahe Nazi-Unheil und emigriert. 1945 steht der damals schon 85-jährige Kannitz vor dem Dilemma: Was tun mit den Treuhandwerten, da Hoffer und alle seine Erbberechtigten tot sind?
Ein gutes und kluges, elegantes und attraktives (für die bibliophile Gestaltung: plus eins!), ein anregendes und empfehlenswertes Buch. Zum Beispiel für potentielle Nachahmer auf den Gebieten Medizin, Philosophie oder Theologie.
Der Autor liest am Donnerstag, 10. März 2011, um 19 Uhr im Literarischen Quartier Alte Schmiede Schönlaterngasse 9, 1010 Wien, aus dem Buch.
Alfred J. Noll: Kannitz. Eine Parabel. Czernin Verlag, Wien 2011, 176 Seiten, 19,80 Euro.