(kh) War er wirklich ein "Wendehals", der mit den Machthabern politischer Systeme auf Du und Du stand und deshalb Karriere über alle Zeitläufte hinweg machte? Bald nach dem Tod Clemens Holzmeisters 1983 sorgte diese Frage auch an der Akademie für bildenden Künste in Wien, wo der Architekt eine Meisterklasse geleitet hatte, für Streitgespräche. Architekturexperte Wilfried Posch hat den Lebensweg Holzmeisters und dessen Verflechtung von Kunst und Politik sachlich erforscht, ohne Partei zu ergreifen. Die Antwort auf obige Frage überlässt der Autor der spannenden "politischen Biographie" dem Leser. Holzmeisters Karriere begann 1922 mit dem Bau des Krematoriums im "roten Wien". Im autoritären Ständestaat wurde er Staatsrat, die Kriegsjahre verbrachte er als "Staatsarchitekt" Atatürks in der Türkei. Bereits 1946 sprach sich das entnazifizierte Kollegium der Wiener Akademie für die Rückkehr Holzmeisters aus. Endgültig zu Hause war er erst wieder 1954. Eine Biographie, exemplarisch auch für andere Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts.

Wilfried Posch, Clemens Holzmeister: Architekt zwischen Kunst und Politik. Verlag Müry Salzmann, 414 Seiten, 29,19 Euro.