Die sexuellen Vorlieben als Schlüssel zum Werk eines Künstlers zu verwenden, ist ein nicht unumstrittenes Verfahren, das zur Schubladisierung - in britischen Buchhandlungen kann man etwa Jean Genet unter "gay literature" finden - wie zum spekulativen Enthüllungsgestammel à la "NEWS" führen kann. David Johnston geht diesen Gefahren durch seine Sachkenntnis als Übersetzer spanischer Literatur und behutsame Argumentation aus dem Weg. Quasi als Begründung seines Ansatzes führt er dem Leser vor Augen, wie das offizielle Spanien bis heute den Menschen vom Werk trennt: Die Ausstellung zum 100. Todestag Lorcas präsentierte unkommentiert die Sterbeurkunde des von den Franquisten hingerichteten Dichters mit der Todesursache "infolge kriegsbedingter Verletzungen".

Von besonderem Interesse ist die Beschreibung der Freundschaft mit Bunuel und Dalí in den 20er Jahren. Den leidenschaftlichen Diskussionen und der Affäre Lorcas mit Dalí - "Das Sexualleben der beiden ist für uns von geringerem Interesse als ihre Gründe, es zu verheimlichen" - folgte die Ernüchterung. Im Avantgardismuskonzept der beiden hatte Lorcas Interesse an traditionellen Formen wie dem Puppenspiel und dem Flamenco Andalusiens keinen Platz. Auf die Nachricht von der Ermordung des ehemaligen Freundes reagierte der zum Vorzeigekünstler des Faschismus mutierte Dalí mit zynischer Distanzierung.

Johnston schließt von Lorcas persönlichen Erfahrungen als Außenseiter in einer vom machismo geprägten Gesellschaft auf die Haltungen und Themen des versteckt homosexuellen Dichters - auf dessen Fähigkeit, einfühlsam und in gleichermaßen erstaunlichen wie erschreckenden Bildern die Leiden anderer Unterdrückter darzustellen. Entsprechend kritisch war seine Haltung zum offiziellen Umgang mit der Geschichte. So bezeichnete er die Eroberung Andalusiens durch das christliche Königshaus 1492 als einen verderblichen Augenblick.

Seine Themen und sein Leben - und nicht die raren politischen Aussagen - machten Lorca allerdings zum symbolträchtigen Feindbild des spanischen Katholizismus und des Faschismus. Offiziell ist sein Grab bis heute unbekannt. Johnstons Buch trägt dazu bei, hinter folkloristisch behübschten Ehrungen den verletzlich-radikalen Dichter zu entdecken.

David Johnston: Frederico García Lorca. Übersetzt von Alice Jakubeit. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2003, 171 Seiten.