Ella Lingens Bericht über Auschwitz, der 1947 entstand, gehört gemeinsam mit den in ebendiesem Jahr erstmals erschienenen Büchern "Ist das ein Mensch" des italienischen Chemikers Primo Levi und den "Five Chimneys" der ungarischen Ärztin Olga Lengyel - die übrigens auch noch immer auf eine deutsche Übersetzung warten - zu den frühen beeindruckenden Zeugnissen von Auschwitz-Überlebenden. Allerdings ist die jetzt im Deuticke-Verlag unter dem Originaltitel "Gefangene der Angst" erschienene deutsche Fassung nicht der Originaltext aus dem Jahr 1947.

In seinem Vorwort hat Peter Michael Lingens, der Sohn der Autorin darauf hingewiesen, dass es mehrmals Pläne für eine Neuherausgabe des Buches gegeben hat. Gemeinsam mit ihm habe seine Mutter Streichungen und Ergänzungen besprochen, die in die jetzige Fassung aufgenommen wurden.

Fluchthilfe für jüdische Freunde

Ella Lingens, die gemeinsam mit ihrem aus Deutschland stammenden Mann Kurt sofort nach dem Anschluss jüdischen Freunden Hilfe bot, war im Herbst 1942 in die Fänge der Nazis geraten. Fluchthilfe für jüdische Freunde war von einem Spitzel verraten worden und die Gestapo in Wien vermutete ein größeres Netz hinter Lingens. Schon in der Haft in Wien merkte Ella Lingens, dass die meisten Festgenommenen erst im Gefängnis zu wirklichen Regimegegnerinnen wurden: "Ich glaube, dass alle totalitären Diktaturen auf dieser Welt auf diese Weise in ihren Gefängnissen einen Grundstein für ihren späteren Zusammenbruch legen: Durch ihre wahllosen Massenverhaftungen züchten sie eine immer größere Anzahl entschiedener Gegner heran."

Im Februar 1943 wurde Ella Lingens nach Auschwitz überstellt und obwohl sie schon vor ihrer Ankunft Gerüchte über das Lager gehört, aber nicht geglaubt hatte, war sie in keiner Weise auf das vorbereitet, was auf sie einbrach.

Nur wer Ellbogen gebrauchte, hatte Überlebenschancen

"Man konnte im Lager, wenn man nicht gerade durch seinen Beruf, durch besondere Schönheit oder durch andere günstige Umstände privilegiert war, eigentlich nur überleben, wenn man sich ununterbrochen das Gegenteil von ,korrekt' verhielt. Wenn man alles tat, was im zivilen Leben als kriminell und übel gegolten hätte: Stehlen, Lügen, Betrügen, immer und überall seine Ellbogen gebrauchen."

Ella Lingens beschreibt, wie sie bei ihrer Ankunft im Lager im Februar 1943, als sie stundenlang in der ungeheizten Zugangsbaracke fror, ihren Pelzmantel zurückverlangte, den sie bei der Überstellung vom Gefängnis in Breslau einer jungen Frau geborgt hatte, die nur mit einem dünnen Sommerkostüm bekleidet war: "Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich etwas an mir, das mir bishin fremd gewesen war und sich in der Folge als überlebensnotwendig erweisen sollte: Egoismus, selbst wenn er zu Lasten eines Schwächeren geht".

Dabei galt Ella Lingens als Nichtjüdin ihren jüdischen Leidensgenossinnen in Auschwitz gegenüber ja noch als privilegiert. Die jüdische Chefärztin im Häftlingsrevier, Enna Weiß, die vielen das Leben gerettet hatte, die Ella Lingens in ihren Erinnerungen als "eine der klügsten, begabtesten und großartigsten jüdischen Frauen im Lager" bezeichnete, fasste ihr Überlebensprinzip mit folgenden Worten zusammen: "Erst komme ich, dann noch einmal ich, dann wieder ich. Dann kommt lange nichts, dann komme ich und dann kommen die anderen".

Trotzdem hielten die Häftlingsärzte die immer wieder auftretenden Fleckfieberepidemien vor der SS verborgen, weil deren Abhilfe in der Vergasung der Insassen des ganzen Reviers bestanden hätte. Erst der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele, der so Ella Lingens "ohne die geringsten Gewissensbisse mordete", schickte auf einen Schub 1500 kranke jüdische Frauen in die Gaskammern und ließ den leeren Krankenblock gründlich desinfizieren, bevor er ihn mit gründlich entlausten Patientinnen des Nachbarblocks belegte. "Danach geschah mit dem nächsten Block das gleiche, bis alle Blocks lausfrei waren. An sich war dies die einzig mögliche Art der Seuchenbekämpfung, aber dass man sich nicht entschließen konnte, zu diesem Zweck eine neue Baracke zu bauen, sondern dass man mit dem Mord an 1500 Jüdinnen begann, das war das Fürchterliche an dieser Situation, wo alles widersinnig war, das Böse gut und das Gute böse."

Ella Lingens überstand selbst im August 1943 eine Fleckfiebererkrankung.

Zu den berührendsten Stellen in dem Buch gehört jene, wo ein Unterscharführer Ella Lingens bittet, für eine junge Frankfurter Jüdin zu sorgen, die mit Fleckfieber in ihrem Revier liegt. Als die Frau wenige Tage später bei einer der berüchtigten Selektionen für den Transport in die Gaskammer aufgeschrieben wird, steht Ella Lingens vor einem schwerem Dilemma. Der Lagerarzt hatte ihr kurz vorher gesagt, sie solle nicht unliebsam auffallen, denn in den nächsten Monaten stehe ihre Entlassung bevor.

"In mir siegte der Hass gegen das System"

"Wenn ich mich als deutsche Arierin für diese Frau verwendete, so riskierte ich, den Unwillen der Waffen-SS zu erregen und damit meine Entlassung in Frage zu stellen. Nur wer selbst im KZ gewesen ist, kann ermessen, was es bedeutet, eine wenn auch noch so vage Hoffnung auf Befreiung zu gewinnen - und womöglich gleich wieder zu verlieren. Mein einziges Kind war drei Jahre alt gewesen, als ich von ihm getrennt worden war . ... In mir stritt die Pflicht, als Mensch und Arzt zu helfen mit der Pflicht einer Mutter, sich für ihr Kind am Leben zu halten, denn jeder Tag mehr im Lager bedeutete tödliche Gefahr. ... Vielleicht durfte ich mir sagen, mein Leben und mein Kind seien mir wichtiger als die fremde Frau. Doch es ging nicht um das allein. Wenn ich jetzt versagte, wenn ich die Achseln zuckte und diesen einen Menschen sterben ließ, den ich vielleicht retten konnte, nur weil ich die persönliche Gefahr fürchtete, die damit verbunden war, dann machte ich den Fehler, den das ganze deutsche Volk gemacht hat und für den es mit der moralischen Verurteilung durch die ganze Welt gestraft wird. ...