In mir siegte nicht das Mitleid und nicht das Pflichtgefühl, in mir siegte der Hass gegen das System, das mich klein kriegen, das mir meine Ehre und Selbstachtung rauben wollte: So sagte ich im Geiste zu meinem Söhnchen: ,Kind, vielleicht musst du noch länger auf deine Mama warten, aber wenn sie dann zu dir zurückkommt, dann soll sie dir in die Augen sehen können, dann wirst du dich nicht schämen müssen, dass deine Muttersprache Deutsch ist.' "

Befreiung in Dachau

Ella Lingens wurde nicht vorzeitig freigelassen, sondern im Sommer 1944 in das KZ Dachau überstellt. Unter den 18 SS-Männern, die in ihrem Waggon reisten, seien nur drei wirkliche Nazis gewesen, schreibt sei in ihren Erinnerungen.

Nach Auschwitz machte Dachauf Ella Lingens den "Eindruck eines besseren Sporthotels". Nach drei Tagen wurde Lingens in ein Arbeitslager in München überstellt und als die weiblichen Häftlinge dort einen Streik vom Zaun brachen, beschuldigte der Kommandant die Ärztin, Urheberin zu sein, denn ihre Aussage, dass der Kaloriengehalt der Häftlingsnahrung so niedrig sei, dass man innerhalb von vier Monaten sterben müsste, hätte die ganze Aktion erst ausgelöst. Das Kriegsende und das damit einhergehende Chaos haben verhindert, dass die Sache weiter verfolgt wurde. Ella Lingens erlebte die Befreiung durch die amerikanische Armee im Stammlager Dachau. Nach der Befreiung kamen viele Reporter in das Lager. "Sie versuchten zu verstehen, was hier vorgegangen war, um der Welt davon zu berichten, obwohl wahrscheinlich niemand, der es nicht selbst erlebt hat, es jemals wirklich verstehen kann. Und selbst wer es miterlebt hat, versteht es nicht ganz", schrieb Ella Lingens am Ende ihrer KZ-Erinnerungen.
Ella Lingens: Gefangene der Angst. Ein Leben im Zeichen des Widerstandes. Deuticke. 335 Seiten.