Wenn James Salter über die Liebe schreibt, beginnt die Luft verheißungsvoll zu flirren; wenn er über einen militärischen Flieger-Stützpunkt schreibt wie in seinem Roman "Cassada", hört man die Düsenjäger dröhnen: zuerst "wie fernen Donner" und dann "schwer und prophetisch mit weit aufgerissenen Triebwerken". Und so zieht man als Nicht-Fachfrau bzw. Nicht-Fachmann beim Lesen dieses Romans auf den ersten Seiten wohl zuerst einmal den Kopf ein und fragt sich, ob man sich bei dem ständig zu erwartenden Gedröhne überhaupt auf das Thema einlassen will. Aber er wäre nicht der brillante Schriftsteller James Salter, wenn er es mit seiner literarischen Überzeugungskraft nicht schaffte, auf einen militärischen Beobachtungsposten am Rande einer Landebahn Militärdienstverweigerer zu platzieren oder Menschen mit Flugangst ins Cockpit eines Düsenjets zu setzen und ihre Neugierde auf die Geschehnisse zu wecken.

James Salter selbst ist ein Fachmann. Er studierte in West Point und trat 1945 in die Air Force ein, diente zwölf Jahre im Pazifik, in den USA, in Europa und Korea. Er nahm 1957 seinen Abschied, als sein erster Roman erschien und er sich fortan mit ebensolcher Disziplin und Präzision, die fürs Fliegen in einer Militärstaffel nötig ist, den stilistischen Höhenflügen der Schriftstellerei widmete.

Folgerichtig schwärmen Menschen, die sich ebenso in der Flug- wie in der Schreibkunst auskennen, in höchsten Tönen von diesem Roman. So meint zum Beispiel Robert F. Dorr, der Autor von "F-86 Sabre": "James Salter schuf mit Cassada das größte Werk, das jemals - jemals! - über Männer, die fliegen, geschrieben wurde." Nicht-Piloten allerdings steuern zuerst einmal im Blindflug durch Handlungsstränge und Dialoge, wie etwa folgenden:

"'Wie viel Wetterzeit haben Sie?' sagte Isbell.

'Echtes Wetter?'

'Richtiges Wetter, nicht unter der Haube.'

'Zwanzig, fünfundzwanzig Stunden.'

'Fünfundzwanzig?'

'Zwanzig. Aber die Hauptsache ist, wie viel haben Sie?'

Isbell sah ihn an. Nach einem Moment gab er zu: 'Reichlich'."

Missverständnisse, die für Düsenflieger-Piloten tödlich ausgehen können, sind beim Lesen des Romans zum Glück nicht gefährlich, und es kann sogar Spaß machen, dem Piloten-Jargon nach und nach auf die Schliche zu kommen. Wenn man bei der Durchgabe des "Letzten Wetters" dann bereits weiß, dass es sich dabei nicht um das grauslichste aller Wetter handelt, sondern dass damit selbstverständlich die letzte Wettermeldung abgefragt wird, fühlt man sich schon fast ein bisschen eingeweiht. Wobei das grauslichste aller Wetter in diesem Drama tatsächlich eine große Rolle spielt, denn zwischen der ersten und der vorletzten Seite des Romans versuchen die beiden US-Piloten Captain Isbell und Lieutenant Cassada ihre Düsenjets auf einem amerikanischen Militärstützpunkt in Deutschland zu landen. Die Wolkendecke hängt dabei so tief und ist so dicht, dass ein präziser Landeanflug zumindest für Captain Isbell, dessen Sprechfunkanlage ausgefallen ist, unmöglich wird. Der jüngere und ihm untergebene Cassada versucht ihn durch Lotsendienst zu retten, aber die Lage wird immer prekärer, da beiden Maschinen der Treibstoff ausgeht. Die Passagen, in denen es aufklart, sind Rückblicke auf das Leben der beiden Piloten und auf ihr Verhältnis zueinander, das sowohl von Freundschaftwie von Rivalität geprägt ist.

"Cassada", ein früher Roman von James Salter, den er in den letzten Jahren überarbeitet hat, ist eine Geschichte über moderne Helden in einer Welt, in der Männer meistens unter sich sind, wo es raubeinig zugeht und wo mit der Offenbarung von Gefühlen hintangehalten wird. "Piloten ist nichts verboten", heißt es im neuen deutschen Schlager. Für Schriftsteller gilt in etwa dasselbe: sie dürfen um der Spannung und Authentizität willen auch Klischees bedienen, wenn sie es so gekonnt tun wie James Salter.
James Salter: Cassada. Roman. Aus dem Amerikanischen von Malte Friedrich. Berlin Verlag 2003, 240 Seiten.