Er heißt Bob Dollar. Seine Eltern haben ihn verlassen, als er gerade sieben Jahre alt war. Aufgezogen von einem alten Onkel, ewig traumatisiert vom Verschwinden seiner Erzeuger, fühlt er sich "in lauter Teilchen zersplittert, die sich nicht aneinander fügten". Sein Hochschulabschluss hat ihn nicht weiter gebracht, die Frauen interessieren sich nicht für ihn und Geld hat er auch keines - kurz und gut, er ist in der richtigen Verfassung, ein typischer Annie-Proulx-Held zu werden.

Mittlerweile ist Annie Proulx in den USA eine Instanz. Vor 15 Jahren erschien ihr erstes (literarisches) Buch, 1993 wurde sie mit dem Roman "Schiffsmeldungen" weltberühmt; der heute 68-Jährigen verdankt die amerikanische Literatur Figuren wie den gescheiterten Journalisten Quoyle aus den "Schiffsmeldungen", hartnäckige Verlierer, die in ihrem tollpatschigen Unglück nicht in den amerikanischen Traum passen und auf diese Art ein Stück Wirklichkeit zu Tage fördern, das dem schönen Schein aus Hollywood zuwider läuft.

Quoyle, der verkrachte Journalist, der von jedem Unglück zwischen Scheidung und Kündigung ausgiebig gekostet hatte, setzte sich in die Einöde Neufundlands ab, um in der ländlichen Umgebung ein neues Leben zu finden. Nun, zehn

Jahre später, verlässt Bob Dollar die Stadt Denver in einem Firmenauto Richtung Süden. Im

Auftrag eines internationalen Konzerns soll er in der PanhandleEbene zwischen Texas und Oklahoma Grundstücke für Schweinemastfarmen keilen, eine heikle Aufgabe, da manche der knorrigen Rinderzüchter schon bei der bloßen Erwähnung von industriellen Schweinemastfarmen rabiat werden.

Annie Proulx ist promovierte Historikerin. Sie liebt Flohmärkte, sie liebt das Landleben, sie liebt Texas. Sie lässt ihren Bob Dollar in einem Phantasiekaff namens Woolybucket stranden, irgendwo in der Ebene östlich von Amarillo. Dort wird er Untermieter bei einer alten Dame, die sich leidenschaftlich für die Biografien anderer Dörfler interessiert und viel zu erzählen hat. Außerdem hat er ein Tagebuch von Leutnant James Abert bei sich, in dem dieser eine Expedition in das Panhandle-Gebiet des Jahres 1846 schildert.

Kein Wunder also, wenn Bob Dollar seinen Auftrag aus den Augen verliert und in einem Wust von historischen Episoden untergeht. Alles kommt zur Sprache, über Generationen hin werden die Geschichten der Dorfbewohner aufgerollt, ihre Feindschaften, Liebesaffären und Fehltritte, alles hängt mit allem zusammen und irgendwie auch wieder nicht, ein Konzept, das in der amerikanischen Literatur seit Sherwood Andersons "Winesburg, Ohio" eine beachtliche Tradition hat.

Leider wird jedoch die Autorin in diesem Buch weniger vom Interesse für ihre fiktiven Dorfbewohner, getrieben als vom heiligen Zorn auf die Globalisierung und den technischen Fortschritt, weswegen die Dörfler am Stammtisch im "Old Dog" manchmal fürchterlich gestelzt daherreden, was in der deutschen Übersetzung dann besonders absurd klingt. "Junger Freund", belehrt ein Landarbeiter den staunenden jungen Mann aus der Stadt, "es gibt kein vom Menschen ersonnenes Dichtungsmaterial ohne undichte Stellen".

Nein, Annie Proulx schreckt in diesem politisch korrekten Roman vor nichts zurück, nicht einmal davor, den Vertreter für den zu Großvaters Zeiten neumodischen Stacheldraht "Billy Gates" zu nennen und den Schwerverbrecher, dessen Handschellen der Dorf-Sheriff als Erinnerungsstück aufbewahrt, "Jack Derrida". Doch muss sie die Romanhandlung nach gut 500 Seiten doch zu einem Ende bringen, weshalb gegen Schluss eine wütende Farmerfrau das Feuer auf ein Meeting von Managern des Schweinemastkonzerns eröffnet, ein reich gewordener Dorfbewohner die Umwelt rettet, indem er die Mastbetriebe aufkauft und im Handumdrehen saniert, und der geläuterte Bob Dollar, der natürlich längst von dem globalisierenden Konzern genug hat, endlich eine neue Perspektive findet: Er wird Buchhändler in Woolybucket.

Bleibt nur noch, ihm zu wünschen, dass er dort so lange durchhält, bis er das nächste Buch der großen alten Dame in die Auslage stellen kann, in dem wieder ihr scharfer Blick auf Menschen im Vordergrund steht.
Annie Proulx: Mitten in Amerika. Roman. Aus dem Amerikanischen von Melanie Waltz. Luchterhand, München 2003, 512 Seiten.