Soll man sich das antun? Beinahe 700 Seiten lesen, die von einer vergangenen Epoche berichten? Ein Buch zur Hand nehmen, das von einem Antisemiten und Zyniker verfasst wurde? Ja, man sollte, unbedingt. Denn Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" erzählt eines der großen Abenteuer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Über 70 Jahre nach dem Erscheinen von "Voyage au bout de la nuit" liegt nun die erste vollständige deutsche Übersetzung von Célines Klassiker vor. Ein Roman, wie es ihn heute kaum noch gibt. Er setzt ein mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf der Place

Clichy in Paris, führt über Afrika nach New York und endet in

einem Pariser Vorort Ende der 1920er Jahre.

Dieser Autor versteht es, Menschen zu beobachten, und er weiß Geschichten zu erzählen, darunter nicht wenige, vor denen man gerne die Augen verschließen möchte. Céline deckt schonungslos die Folgen der Armut auf. Die "Reise ans Ende der Nacht" handelt nicht zuletzt vom Schmutz der Welt. Die Menschen werden gnadenlos zu Schanden geritten - Mitleid aber wäre fehl am Platz: "Vor den Menschen, vor ihnen allein muss man Angst haben, immer", hält der Ich-Erzähler und Protagonist Ferdinand Bardamu zu Beginn des Romans unzweideutig fest. Und vom Krieg, in den er noch frohgemut gezogen ist, hat er sehr schnell die Nase voll: "Und weil die Ereignisse eine so verzweifelte Wendung nahmen, beschloss ich, alles auf eine Karte zu setzen, den kühnsten Schritt zu wagen, den äußersten, und zu versuchen, den Krieg zu beenden, ich ganz allein! Wenigstens in der Ecke, wo ich grade war."

Dieses Unternehmen scheitert freilich. Bardamu schlittert immer tiefer in den Krieg, bis er den Verstand verliert, in einer Klinik landet und der Erschießung nur durch Flucht (nach Afrika) entgeht.

Dies ist das abenteuerliche Element von Célines opulentem Roman. Ein anderes, wohl noch packenderes, ist Célines analytische Gabe, hinter die Masken der Menschen zu blicken. Die Lüge ist eines der Motive, auf das der Autor immer wieder zurückkommt, nicht nur, weil Lügen den Alltag prägen, sondern weil ohne Lügen kein Überleben möglich wäre: "Man muss sich entscheiden: sterben oder lügen. Ich habe mich nie umbringen können."

Am Phänomen der Lüge liest

Céline den Zustand der Gesellschaft ab, etwa in New York, wo ihn angesichts der Boulevards und Fassaden der Lebensekel endgültig erfasst - "Kommerz über Kommerz, dieses Krebsgeschwür der Welt, das in Form von verheißungsvoller und schwärender Reklame aufplatzt. Hunderttausend geschwätzige Lügen." Es sind solche genauen, mitunter zynisch konnotierten Beobachtungen, die Célines Roman eine Form von Zeitlosigkeit verleihen. Den Widerspruch hat dieser Autor immer im Kalkül, sein Erzähler ist einmal Menschenhasser, dann wieder Liebender. Und was das Lügen betrifft - "Wenn es keine Lügen mehr zu erzählen gäbe, wirklich, man müsste die Welt für zwei, drei Generationen dicht machen, mindestens."