Es hat etwas Beruhigendes, wenn sich Phantome wie das "Fräuleinwunder" endgültig als Erfindung der Verlagswerbung entpuppen, was man in Zoe Jennys neuem Roman nachlesen kann. Will man darob nicht in Häme verfallen, tut man gut daran, "Ein schnelles Leben" als Jugendbuch zu lesen, etwa für die Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen. Da mag die ebenso mühsam wie simpel zusammengebaute Geschichte hingehen, da haben die kursiviert eingeschobenen, ziemlich banalen Tagebuchblätter des jungen Mädchens eine gewisse Berechtigung, und da kann man mit den Teenies locker über die sprachliche Dürftigkeit hinweglesen.

"Romeo und Julia 2002" lautet der vollmundige Werbetext. Geworden ist es aber doch nur eine wenig überzeugende Pubertätstragödie mit einem Schuss Zeitthematik. Ayse - in der Verlagswerbung noch Aise genannt - ist die Tochter eines türkischen Immobilienhändlers, der nach der deutschen Wende ein schönes Stadtrandhaus erworben hat. Vom Bruder Zafir streng bewacht, führt Ayse die obligaten Jungmädchenkämpfe um mehr Freiraum. Als sie eines Tages doch einmal eine Party ihrer ungleich freier aufwachsenden Schulfreundin Sezen besuchen darf, verliebt sie sich in Christian. Wie es der Zufall will, ist Christian über eine schon bröckelnde Kindheitsfreundschaft verbunden mit einer aus länderfeindlichen Gang, gegen die Bruder Zafir und seine Freunde im Dauerkrieg liegen. Damit nicht genug: Christian entstammt auch noch genau jener Familie, die vor der Wende Ayses Haus bewohnt hat. Nach einer weiteren nächtlichen Kampfhandlung der beiden Banden, bei der Christian glaubt, Zafir getötet zu haben, flieht das junge Pärchen. In die Schweiz, genauer gesagt in den Tessin, wo Zoe Jenny laut Klappentext aufgewachsen ist. Dort findet das Paar in einem Wildhüterhäuschen romantische Zuflucht, kommt allerdings bald bei einem Murenabgang (Umweltthematik!) ums Leben.

Die Konstruiertheit der Handlung ist nicht das Hauptproblem des Buches. Störender noch ist die Vielzahl der angerissenen Themen und Motive, die alle aufgesetzt und willkürlich wirken: der Selbstmord einer nicht näher bekannten Mitschülerin, das tragische Ende einer kindlichen Blutsbrüderschaft, das drohende Mädchenpensionat, sogar die Kinderarbeit in der türkischen Teppichknüpfindustrie fehlt nicht - Ayses Kindermädchen Ata berichtet kurz davon. Nichts von all dem wird dabei wirklich greifbar, auch nicht der Identitätskonflikt der Kinder der zweiten Generation, die Motive rechtsradikaler Jugendgruppen oder die mentalitätsgeschichtlichen Folgen der Wende. Alle Figuren sind blass und ohne Konturen. Der verständnisvolle Deutschlehrer, der seiner dichtenden Schülerin ohne Gegenleistung sein "Atelier" für ihre Schäferstündchen mit Christian zur Verfügung stellt, bleibt ebenso Staffage wie die offenbar schönheitsoperationssüchtige Mutter Antaya. Sätze wie "Antaya betätigte die Fußklingel unter dem Tisch" sollen vielleicht das orientalische Ambiente in Ayses Familie vermitteln, lassen aber doch nur Erleichterung zurück, dass die Füße ordnungsgemäß unter dem Tisch bleiben.

Zoes Sprache ist nicht "klar" und "zurückhaltend", sondern kitschig und unbeholfen. Abgesehen von Hohlheiten wie "Dann strich sie gedankenverloren an der Mauer entlang", oder: "Ihr gemeinsames Schweigen füllte den Raum aus, bis es laut wurde", lassen zusammen mit den stehen gebliebenen Grammatikfehlern ("Er schloss die Augen und drückte sie an sich", oder: dann "stellte sich Paul streitlustig von einem Bein aufs andere") die Dimension der notwendigen Lektoratsarbeit erahnen.

Wie gesagt, als schnelles Jugendbuch kann das Ganze funktionieren, aber dafür muss man dann kein Wunder herbeizitieren.

Zoe Jenny: Ein schnelles Leben. Roman. Aufbau, Berlin 2002, 142 Seiten.