Was weiters misstrauisch macht, ist, dass Fuciks Text wie eine perfekt gestylte stalinistische Propagandaschrift erscheint: Da ist schon der geschickt platzierte Aufruf zur Wachsamkeit als Schlusspunkt und Paukenschlag. Da sind die Lobeshymnen auf den Sowjetkommunismus und die Rote Armee, der gekonnte Aufbau des Werkes. Das alles wirkt irgendwie so, als wäre im Nachhinein zumindest der "glättender Stift" eines kundigen KP-Funktionärs darübergefahren.

Fucik erscheint in der "Reportage" als zu perfekt, zu makellos, fast wie eine Kunstfigur: Die Gestapo kann dem Gefolterten kein Sterbenswörtchen entlocken, kein Moment etwaiger Schwäche trübt das Bild des Heroen. Darauf beruhte dann seine Vorbildwirkung als "Musterbeispiel kommunistischen Heldenmutes". Aber: Den perfekten Helden gibt's bekanntlich nur im Kino. Das dürfte der Nährboden für Gerüchte sein, die vor allem nach der Wende 1989 Konjunktur hatten, um dem dauernd zitierten Vorbild "eins auszuwischen". So geisterte ab 1990 die Behauptung durch die Gazetten, Fucik habe nicht nur mit dem Wissen der Gestapo geschrieben, sondern sei von dieser vollends "umgedreht", zu deren Mitarbeiter geworden und habe sich nach 1945 unerkannt nach Argentinien absetzen können.

Ein tschechisches Historikerteam, allerdings von vorne herein pro-Fucik-orientiert, wurde damit beauftragt, endlich Klarheit zu schaffen: Resultat: Fuciks Text dürfte weitgehend authentisch sein. Es konnte auch nicht bewiesen werden, dass er Nazi-Kollaborateur war. Klar ist jetzt aber auch, dass die KP-Leitung ab 1945 Fuciks Reportage dahingehend manipuliert hat, dass eine ganz wesentliche Texpasage einfach gestrichen wurde. Die Stelle nämlich, in der Fucik zugibt, der Gestapo sehr wohl reichlich Hinweise gegeben zu haben. Er fasse diese Vorgangsweise allerdings als "Spiel" auf, so Fucik, um die Gestapo mit Falschinformationen einzudecken und die wahren Mitglieder der "revolutionären Zellen" zu schützen. Die Kommunisten hatten dieses Moment wahrscheinlich deshalb unterschlagen, um nicht den Funken eines Verdachts gegen ihren Märtyrer aufkommen zu lassen. Völlige Klarheit könnte aber nur eine unabhängige, internationale Expertenkommission bringen, die es aller Voraussicht nie geben wird.

Der Streit um den "Redaktor" ist noch heute nicht beendet, war er doch Gegenstand einer Vergangemheit, deren Bewältigung noch aussteht. So meinte Präsident Vaclav Havel vor kurzem, die Kommunisten hätten sich als Helden gerade den Fucik "aushecken" müssen. Wütende Replik der "Juliu-Fucik-Gesellschaft" in Prag: "Eine Lawine von Unrat" ergieße sich über den Widerstandskämpfer, die durch Havel losgetretenen Sudelkampagne gegen Fucik komme dessen "zweiter Ermordung gleich".

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Julius Fucik: "Reportage unter dem Strang geschrieben", erschienen im Jahr 2000 im Verlag PahlRugenstein, ISBN 3-89144-272-6

Julius Fucik: Reportage unter dem Strang geschrieben, erschienen im Jahr 2000 im Verlag PahlRugenstein, ISBN 3-89144-272-6