Eine trostlose Szene: In einer heruntergekommenen Reinigung in Chicago fristet Madeline Ascher ihr kümmerliches Dasein. Mr. Kowalski, ihr Chef, ist ein zumeist betrunkenes Ekel, das permanent Fernsehen schaut, seine Angestellten schlecht bezahlt und vor sexueller Belästigung nicht zurückschreckt. Doch Madeline hat keine Wahl. Ihr Bruder Rick hat das Familienerbe verspekuliert. Statt in einer großbürgerlichen Villa südlich von Wien wohnen Madeline und Rick in einer ärmlichen Absteige. Wie die Geschwister nach einer schrecklichen Familientragödie im Sommer 1947 auf eine Irrfahrt gerieten, die im Jahr 2000 in einem Chicagoer Elendsviertel mit einer weiteren Katastrophe endet - das berichtet Marlene Streeruwitz in ihrem neuen Roman "Partygirl".

Bereits die ersten 30 Seiten des Romans sind ein literarisches Meisterstück. Streeruwitz macht keine Konzessionen an die Leser. Erzählt wird ausschließlich aus der Perspektive Madelines, das Buch ist eine Art Protokoll ihrer Wahrnehmungen und Gedanken. Vieles wirkt so zunächst rätselhaft und entschlüsselt sich erst in späteren Kapiteln. Diese gehen schrittweise in die Vergangenheit Madelines zurück. Sukzessive bewegt sich die Erzählung damit der furchtbaren Familientragödie entgegen, die den Lebensweg von Madeline und ihrem Bruder überschattet. Seine Spannung bezieht der Roman nicht nur aus der Verklammerung zweier Katastrophen, sondern auch aus dem dunklen Geheimnis, das die beiden Geschwister miteinander verbindet: ein inzestuöses Begehren - halb nachgegeben, halb verdrängt - kettet die beiden aneinander.

Spätestens wenn die inzestuöse Beziehung evident wird, eröffnet sich auch eine ganz andere Verknüpfung: jene zwischen dem Roman und seinem Referenztext. In der 1839 erschienenen Erzählung "Der Untergang des Hauses Usher" hat Edgar Allan Poe die Konstellation einer mit Geschwisterliebe verbundenen Familientragödie vorgeprägt.

Streeruwitz nimmt zwar das Muster auf und gibt auch beiden Geschwistern die Namen Madeline und Roderick "Ascher", verschiebt aber auf entscheidende Weise die Akzente: Während die Schwester in Poes Erzählung nicht zu Wort kommt, lediglich der Gegenstand der Rede männlicher Hauptfiguren ist, wird Madeline in "Partygirl" sprachmächtig. Ein symbolischer Akt weiblicher Emanzipation, der aber zugleich durch das Scheitern des Lebensentwurfs der Erzählerin gebrochen wird.

Streeruwitz führt vor, wie sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen während der letzten zwei Jahrhunderte zwar zum Vorteil der Frauen verändert haben, das grundlegende Prinzip der Unterdrückung der unverschuldet Schwachen durch die rücksichtslos Starken aber fortbesteht. Wenn Madeline in Momenten plötzlicher Erinnerung an die Vergangenheit von Panikattacken und Erstickungsanfällen heimgesucht wird, so ist dies zunächst ein literarischer Verweis auf Poes Madeline. Denn diese wird lebendigen Leibes beerdigt. Angesichts der zunehmend entfremdeten, erdrückenden Wirklichkeit heutiger Gegenwart erleidet die Madeline in "Partygirl" ihre

Momente klaustrophobischer Atemnot aber auch stellvertretend für uns alle. Deswegen irren Kritiker, die Streeruwitz auf den feministischen Aspekt ihrer Literatur reduzieren.

"Partygirl" ist allerdings nicht ohne Fehler. Eher im Gegenteil. Trotz aller gelungenen Aspekte handelt es sich um den bisweilen wohl schwächsten Roman von Streeruwitz. Zu langatmig, zu konstruiert wird es an manchen der vielen Stationen, aus denen die Flucht der Geschwister vor ihrer Vergangenheit und dem Fluch ihrer verbotenen Liebe besteht. Kuba, Griechenland, Deutschland, Italien, USA - überall versucht Madeline auf Partys die bedrückende Leere ihres Lebens mit Sinn zu füllen.

Doch spätestens wenn der Roman am Ende die verstörenden Umstände des Unglückes aufdeckt, das als Urkatastrophe den langsamen aber unaufhaltsamen Untergang der Familie Ascher auslöst, ist man von Madelines innerem Monolog wieder ganz gefangen genommen. Noch im begrenzten Misslingen hat Marlene Streeruwitz ein lesenswertes Buch geschrieben. Wie in der Geschichte von Madeline Ascher gibt es keinen Sieg ohne zugleich zu scheitern.

Marlene Streeruwitz: Partygirl. Roman. Fischer, Frankfurt 2002, 416 Seiten.