Der Hohe Markt hätte beim Wiederaufbau großen Feingefühls bedurft; an die 2000 Jahre Tradition verpflichten.

An der Stelle des späteren Platzes standen einmal Gebäude des Römerlagers Vindobona, das um 100 n. Chr. erbaut worden war und die Keimzelle der neuzeitlichen Metropole darstellt. Ein kleines Museum unter dem Straßenniveau gibt seit 1954 Einblick in die Vergangenheit. Über dem Straßenniveau herrscht seit etwa dieser Zeit vor allem der "Eindruck besonderer Einfallslosigkeit", so Co-Autor Martin Kupf im Teil IV der Dokumentaion, der "Schicksale Wiener Bauten seit 1945" unter die Lupe nimmt.

Wer glaubt, nach dem Zweiten Weltkrieg hätte zur Errichtung phantasieloser Bauklötze keine Alternative existiert, irrt. Im Werk weisen die Autoren - neben Kupf sind das Dieter Klein und Robert Schediwy - immer wieder das Gegenteil nach.

Stellvertretend ein einziger Hinweis zum Hohen Markt 1, dem Arnsteinhaus: "Nach dem Feuersturm der letzten Kriegstage waren große Teile des Palais (...) vorhanden, von der Fassade fehlte lediglich eine Fensterachse im obersten Stockwerk", heißt es in dem in der Edition Atelier herausgekommenen Buch.

Und: "Ein Wiederaufbau wurde (...) ins Auge gefasst, 1952 (...) zugunsten einer lukrativeren Neuverbauung aufgegeben."

Ähnlichen Formulierungen begegnet man nicht allein bei der Beschreibung von Bauten in der City. Womit die Sache auf den Punkt gebracht wird: Was in der ersten Nachkriegsphase zählte, war ausschließlich maximale Verwertbarkeit.

Szenenwechsel. Von den 50ern in die 60er, vom Zentrum an die Peripherie. Etwa zehn Jahre nach dem Sündenfall am Hohen Markt schlug die Spitzhacke draußen in Ottakring zu.

Kein Stein vom alten Schottenhof (nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Höfen im 1. und 14. Bezirk) blieb, lediglich eine riesige Blutbuche im Garten überlebte als Zeugin. Der 1340 erstmals urkundlich erwähnte Freihof (im Buch schlich sich auf Seite 179 ein kleiner Irrtum ein, denn die Nennung eines Weinguts 1322 ist nicht mit Sicherheit der Baulichkeit zuzuordnen) steht für Ottakringer Geschichte pur.

Heute würden man den an der Ecke Sandleitengasse 1/Ottaktinger Straße gelegenen Hof wohl liebevoll restaurieren, als Kulturzentrum eines der ältesten Vororte Wiens einrichten.

Oder haben sich die Zeiten und Trends nicht geändert? Der Turm der ehemaligen Milchstelle gegenüber dem einstigen Ottakringer Freihof (seit dem 1777 unter Abt Benno Pointner fürs Schottenstift erfolgten Ankauf Schottenhof genannt) verfällt. Dass Josef Kornhäusel (1782 - 1860) den Bau entwarf, dass es um den letzten Überrest der alten Freihof-Umgebung geht - wen interessiert das?

Fakten und Hintergründe

Der Band stellt unzählige (oft mit "Vorher"/"Nachher"-Fotos illustrierte) unglückliche Eingriffe ins Stadtbild an den Pranger. Geboten wird überdies der Versuch einer Analyse der Hintergründe. Dieter Klein sieht nach 1945 "das praktische amerikanische Beispiel" der von Autobahnen zerschnittenen Stadt als Ausgangspunkt, der "die Vergangenheit verleugnet", getreu "diesem angehimmelten (...) Vorbild". Zum gesellschaftlichen Umfeld konstatiert er: "Das Profitstreben rückte immer stärker in den Vordergrund".

Mit den letzten Jahrzehnten setzt sich Robert Schediwy auseinander; er verweist auf drohende Maßnahmen und hofft bei der Stadterneuerung auf ein Vorgehen in "geordneter Form", "ohne dabei den historischen Kern zu durchwuchern". Ebenso sieht er "durchaus Anzeichen für ein gewisses Umdenken (...)". Gleichzeitig warnt er: "Massive wirtschaftliche Interessen haben (...) den Stadtgestaltungsprozess mitbestimmt (...)" Einiges sei daher "im Sinne einer menschengerechten und ihrer Vergangenheit bewussten Stadt zu zügeln (...)" Ob das gelingt (man denke an das Hochhausprojekt neben der City), bleibt offen.

Bewusstseinsbildung tut Not. Das Buch der drei Autoren ist ein unentbehrlicher Anstoß.

Und noch mehr Wien-Bilder

In erster Auflage ist soeben ebenfalls in der Edition Atelier der Bildband von Ulrich Gansert "Wien: Ort, Zeit: Blick" herausgekommen. Die Fotos von Räumen, Bauten, Baustellen laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Walter Seitter und Johann Dvorak verfassten begleitende Texte, Baudelaires Gedicht "Der Schwan" bildet den Abschluss des Buches, das der sich verändernden Stadt gewidmet ist.

Bauplätze wechseln einander mit "ruhenden" Bildern ab. Treffend dazu die Baudelaire-Zeile: "Und schwerer als ein Felsblock drückt Erinnerung". Städte sind in Stein gehauene Geschichte, die rasant - zuweilen zu rasant - fortschreitet. Ulrich Gansert stellte sich die Aufgabe, Augenblicke dieses Prozesses einzufangen.

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Dieter Klein/Martin Kupf/Robert Schediwy, Wien - Stadtbildverluste seit 1945, Eine kritische Dokumentation, Mit einem Nachwort von Bruno Maldoner. 327 Seiten. Edition Atelier im Wiener Journal, 2. Auflage Wien 2002.

Ulrich Gansert, Wien: Ort, Zeit: Blick. Der querformatige Bildband umfasst ca. 60 Seiten. Edition Atelier bei Facultas, Wien.

HINWEIS ZUM THEMA DES ERSTEN BUCHES: Nur mehr bis morgen, Mittwoch, ist in der Planungswerkstatt der Gemeinde Wien (I., Friedrich-Schmidt-Platz 9) von 9 bis 16 Uhr die Ausstellung "Stadtbildverluste" zu sehen. Eintritt frei.

Dieter Klein/Martin Kupf/Robert Schediwy, Wien - Stadtbildverluste seit 1945, Eine kritische Dokumentation, Mit einem Nachwort von Bruno Maldoner. 327 Seiten. Edition Atelier im Wiener Journal