Der Roman "Kunstlicht" des 1963 geborenen Niederländers Joost Zwagerman hat einen merkwürdigen Helden: einen Autor in der Schreibkrise, der seine einstwillige Zuflucht beim Rundfunk findet, dann aber entdecken muss, dass sein Hauptkonkurrent eine Romanfigur mit seinen persönlichen Lebensproblemen und vorläufigen -lösungen ausgestattet hat, worauf das Opfer, von einer aufkeimenden Paranoia befeuert, entrüstet schwarzen Verrat wittert und gegen den Plagiator loswettert. Ein verkrachter Autor wird Moderator, redet nun über Literatur, statt welche zu machen, wird gleichzeitig aber selbst Gegenstand eines Romans. Da er sich in dieser Rolle nicht wohl fühlt, versucht er von der literarisch fixierten Handlung abzuweichen, bugsiert sich damit in eine Falle und rutscht immer weiter ins Abseits.

Die intelligente Konstruktion ermöglich eine Satire auf den Kulturbetrieb und einen detailreichen Versuch über die Schwierigkeiten beim Schreiben und die Wirkungslosigkeit literarischer Bemühungen. Angenehm gehässig und erfreulich bösartig skizziert Zwagerman ausnehmend schräge Vögel in Redaktionen und Verlagshäusern. Während der Hades herausfordernd gähnt, ahnt der Held, dass er nicht mehr lange Krankheitsgewinn wird einstreichen können, widmet sich aber weiterhin seinen Ausflüchten und aufkommenden Neurosen. Der Witz des Autors lässt die Desaster, Anfechtungen und omnipräsenten Lumpereien nicht bedrückend wirken und herzhafte Schadenfreude sich auftun.

Die pathologischen Züge des Alltagslebens werden nicht als klinischer Bericht, sondern im belletristischen Aggregatzustand präsentiert. Die Phänomenologie der Arbeitsstörungen gefällt dank ihrer Stringenz und Wirklichkeitsnähe. Die Hypochonder, Nichtstuer und Nervenkranken wissen viel und können wenig, sie plappern gern und entwickeln gelegentlich durchaus Charme. Von Gegenständen besessen und Apparaten begeistert, sind sie am meisten bei sich, wenn sie sich Einfällen überlassen und haltlos auf Besucher einreden.

Die Romanfiguren entwickeln großartig weltfremde Konzepte, die an der Wirklichkeit zerbröseln, an die sie aber selber zu glauben scheinen. Für eine dämliche Kultursendung wird mindestens Flaubert bemüht, darunter macht die Redaktion es nicht. Der Autor berichtet von miesen Vorgängen, sein Personal ist ein trostloser Haufen, den nur die Geltungssucht aufrecht hält. Mit einer krähenden Lustigkeit, die niemals aufgesetzt erscheint und um die man den fröhlichen Holländer beneiden darf, bietet er diese öden Abläufe und stumpfen Gestalten dar.

Es entspinnt sich eine Welt des munteren Überdrusses und des gewerbefleißigen Dämonismus. Schwer laboriert der Held, Märtyrer und Moderator, an seinen Defekten. Belanglose Situationen erlebt er heiter als Katastrophen und Zusammenbrüche. Würde dieser Mann aber nicht mehr von seinem maroden psychischen Apparat aufgescheucht, täte er, wie befürchtet werden muss, überhaupt nichts mehr. Doch von Furien, die der Autor zu unserem Pläsier geweckt hat, moderat verfolgt, mobilisiert und inspiziert der wankelmütige Held Batterien von herrlich daseinsverdüsterten Dummschwätzern.

Joost Zwagerman: Kunstlicht. Roman. Aus dem Niederländischen von Martina den Herto-Vogt. Picus 2002, 315 Seiten.