Aus den erhaltenen Gerichts-, Polizei- und Gestapoprotokollen geht hervor, dass mehr als 300 österreichische Adelige während der NS-Zeit aus politischen Gründen inhaftiert, verurteilt oder hingerichtet wurden. Dazu komme eine wahrscheinlich noch viel höhere Dunkelziffer jener, die im Untergrund aktiv waren und niemals aktenkundig wurden, schreibt die Historikerin Gudula Walterskirchen in ihrem jüngst präsentierten Buch "Blaues Blut für Österreich - Adelige im Widerstand gegen den Nationalsozialismus".

Walterskirchen räumt in ihrem Buch zwar ein, dass es auch Angehörige des Adels gegeben habe, die sich den Nationalsozialisten angeschlossen haben, dass die Mehrzahl aber immun gegen jegliche Infizierung mit nationalsozialistischem Gedankengut waren.

In dem Kapitel "Die Infizierten" nennt sie die Namen Wenzel Graf Gleispach, den "Erfinder" des Volksgerichtshofes, Dr. Karl Freiherr von Bardollf, der schon in den Dreißigerjahren ein Wegbereiter für die Nazis in Österreich war und die Namen, die auf einer Proponentenliste für einen nicht zustandegekommenen Verein "Deutschsozialer Volksbund in Österreich" aufscheinen: Neben Arthur Seyß-Inquart schienen dort u.a. auf Graf Hans Abensberg-Traun, Graf Philipp Gudenus und der Universitätsprofessor Heinrich Ritter von Srbik.

Die Zahl derer, die mit den Nazis aber nichts am Hut hatten, beziehungsweise aktiv gegen sie auftraten, war aber unter Österreichs Adeligen um ein vielfaches größer. Walterskirchens Arbeit - nach Angaben der Autorin die erste, die sich mit diesem Themenkreis in Österreich auseinandersetzt - kann und will gar nicht eine umfassende Studie sein. Viele Fälle werden wohl nie bekannt, weil die betreffenden Personen bereits verstorben sind und ihre Untergrundarbeit so konspirativ war, dass nicht einmal Familienangehörige und Freunde davon wussten.

Walterskirchen hat ihre Arbeit über den adeligen Widerstand in fünf Teile gegliedert, den Widerstand vor 1938, Widerstand und Verfolgung ab 1938, den 20. Juli 1944 und seine Folgen in Österreich, Militärischen Widerstand und Widerstandsgruppen und die Zeit nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.

Die Zeit vor 1938 unterscheidet sich beim österreichischen Adel vom gängigen Widerstandsbegriff, waren doch viele Adelige eng mit dem austrofaschistischem Ständestaat verbunden. Die Namen des letzten Bundeskanzlers der Ersten Republik, Kurt Schuschnigg und jene des Heimwehrführers Ernst Rüdiger Starhemberg sind hier nur stellvertretend anzuführen. Walterskirchen führt in diesem Abschnitt aber auch die Lebens- und Leidensgeschichte von Kurt Graf Strachwitz und seiner Familie an. Strachwitz, ein katholischer Publizist fiel bereits 1933 in München den NS-Schergen in die Hände und die Tagebuchaufzeichnungen seiner Frau Maria, die in dem Buch wiedergegeben sind, sind ein erschütterndes Beispiel dafür, wie die Nazis mit ihren Gegnern schon in der Frühzeit umgingen. Strachwitz gelang nach dem Anschluss im Jahr 1938 die Flucht. In dem Kapitel des Widerstands wird aber auch die Lebensgeschichte von Peter Graf Revertera, der 1934 Sicherheitsdirektor in Oberösterreich wurde und sich mit den aus Deutschland einsickernden illegalen Nazis auseinanderzusetzen hatte, geschildert.

Dass sie als Vertreter des Ständestaates galten, wurde vielen Adeligen nach dem Anschluss zum Verhängnis und sie zählten neben Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden zu den ersten Opfern Hitlers. Walterskirchen schildert diese Periode anhand der Beispiele des Legitimisten Baron Hans Karl von Zeßner-Spitzenberg, des ersten Österreichers, der am 1. August 1938 im KZ Dachau starb, aber auch anhand des Schicksals der beiden Söhne von Thronfolger Franz Ferdinand, Max und Ernst von Hohenberg.

Auch in die Ereignisse rund um das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 waren neben vielen deutschen auch österreichische Adelige involviert, u. a. der schon genannte Peter Revertera, Alfons von Stillfried und Rudolf Graf Marogna Redwitz, der von den Nazis hingerichtet wurde. Und auch in der Widerstandsgruppe O5 arbeiteten Adelige wie Johannes Eidlitz und Willy Thurn und Taxis und Johannes Stillfried mit.

Noch in den letzten Kriegstagen, am 13 April 1945 wurden in St. Pölten das Ehepaar Josef und Helene Julia Trauttmansdorff-Weinberg von den Nazis ermordet, weil sie geplant hatten, die Stadt und ihre Umgebung kampflos an die herannahenden russischen Truppen zu übergeben.

Gudula Walterskirchens Buch ist ein informatives Werk über ein bisher wenig bekanntes Thema, dem sicherlich noch andere Arbeiten folgen werden.
Walterskirchen, Gudula : Blaues Blut für Österreich - Adelige im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Amalthea, 336 Seiten, ISBN 3-85002-452-0